Gehorsam

Das ermöglicht, ein Leben ohne eigene Verantwortung zu führen. Das ist der Nutzen, den einem Gehorsam bringt. Warum ich das sage? Weil ich selbst sehr lange so gelebt habe.

Ich bildete mir zwar ein, immer nur meinen eigenen Überzeugungen zu folgen. Doch ich frage mich nicht, von wem ich die hatte und wie derjenige da draufkam. Die entscheidende Frage ist, weshalb ich das nicht viel früher begriffen habe und aus diesem Gefängnis des Gehorsams nicht herauskam. Dabei ist die Auflösung dieser Frage simpel. Falscher Ansatz.

Als Jugendlicher haben mich Filme wie „Schöne neue Welt“ von Aldous Huxley fasziniert, aber auch „!984“ von Georg Orwell hat mich in seinen Bann gezogen. Was ich jedoch erst kürzlich begriff ist, dass sich die Weltbilder von Huxley und Orwell nur scheinbar entsprechen. Tatsächlich sind sie entgegengesetzt.

Was beide eint ist, das es sich bei beiden um Anti-Utopien handelt, Geschichte, die in einer fiktiven Gesellschaft spielt, die sich zum Negativen entwickelt hat. Die Tür heraus findet man jedoch nur, wenn man auch weiß, wie diese Situationen entstanden sind.

Bei Orwell gebraucht ‚Ozeanien‘ Gewalt gegen Abweichler, wohingegen in Huxley ‚Brave New World‘ Eugenik, Konditionierung und Hypnopädie angewendet werde. Diese ‚Verfahrensweise‘ ist zwar langwieriger, aber wesentlich effektiver als die Anwendung von Gewalt.

Huxley stand auch im Austausch mit H. G. Wells, dessen Buch ‚Das Land der Blinden‘ eine ganz ähnliche Lösung anbietet wie er selbst in ‚Brave New World‘:

Es sind die Protagonisten selbst, die sich so konditionieren und dadurch verführen lassen, dass sie das Spiel mitspielten. Sie waren ganz einfach gehorsam. Gehorsam ist sehr einfach. Er nimmt einem die Last der Verantwortung. Es ist nicht nötig, zu reagieren, man braucht einfach nur das zu tun, was gesagt wird – ohne sich Gedanken über ‚richtig‘ oder ‚falsch# machen zu müssen.

Stellt sich dann doch heraus, dass es ‚falsch‘ war, was man getan hat, kann man die Verantwortung entrüstet von sich weisen, man hat ja nur getan, was einem gesagt wurde – wie in Deutschland im zweiten Weltkrieg.

Ich frage mich: Ist das heute wirklich anders? Oder wird nicht immer noch Gehorsam praktiziert, wie von Étienne de La Boétie in seinem Text ‚Von der freiwilligen Knechtschaft des Menschen‘ exakt und absolut treffend beschreiben?