Gefühlte Ohnmacht

Viele Menschen fühlen sich angesichts der Ereignisse um sie herum ohnmächtig. Doch ist das wirklich so? Bin ich tatsächlich ohnmächtig fremden Kräften ausgeliefert? Oder gar anderen Menschen? (Ich kann da ja immer nur von mir selbst ausgehen, nicht von anderen.) Ich denke, ich bin es nicht. Ein Problem habe ich natürlich dann, wenn ich selbst mächtig sein will, dann bin ich tatsächlich ohnmächtig. Nur ist das nicht so leicht zu verstehen. Jedenfalls hat niemand über einen andern ‚natürliche‘ Macht. Das haben auch viele vermeintlich Mächtige immer wieder erfahren müssen, wenn irgendwas oder irgendwer sie vom Thron gestoßen hat.

Niemand kann gegen den Willen eines anderen etwas bewirken, außer mit unlauteren, also unnatürlichen Mitteln. Oder der andere unterwirft sich ihm, weshalb auch immer, oft aus einer empfundenen Abhängigkeit heraus. Étienne de La Boétie hat das in seinem Text „Von der freiwilligen Knechtschaft des Menschen“ hervorragend beschrieben; ein Text, der leider viel zu wenig Beachtung findet. Es ist eine Tatsache, dass das definitiv jedem so geht, niemand ist „mächtig“, der nicht die Unterstützung von anderen hat.

Aber das muss ich verstehen wollen, sonst werde ich es nicht verstehen. Dabei spielt ein möglicherweise unzutreffendes Weltbild eine gravierende Rolle. Welches Weltbild ich auch habe, ich gebe es nur schwer auf, denn darin steckt als Gegenstück mein eigenes Selbstbild. Welt- und Selbstbild sind ja identisch, nur eben spiegelverkehrt. Mein Weltbild macht es mir da recht einfach, da darin nichts Beständiges existiert (oder existiert hat). Ob ich wirklich so denke weiß ich selbstverständlich erst, wenn es mir an den Kragen geht.

Sehr spannend waren die Reaktionen auf den Zusammensturz der Twin Towers. Mit diesem Symbol der Globalisierung und der Gewalt der Finanzmacht der Industriestaaten war auch das Gefühl der Stabilität im eigenen Leben für viele Menschen zusammengebrochen, egal ob man für oder gegen die globalisierte Wirtschaft war beziehungsweise ist. Man muss eben beides sehen, das Leid, das die Menschen erleiden mussten, genauso wie die Reaktionen der nicht unmittelbar Betroffenen.

Wie leicht und wie schnell machen viele „den“ Islam für die Taten eines islamistischen Terroristen verantwortlich – als hätte es nicht auch eine Menge christlicher Terroristen gegeben; nur machen wir im Westen dafür nicht das Christentum verantwortlich. Also sollten wir auch den Islam nicht für etwas verantwortlich machen, wofür er nichts kann. Genau genommen sollten wir ein System, welches auch immer, nie für das verantwortlich machen, was ein Mensch macht.

Wahrscheinlich fängt da das eigentliche Problem an. Spreche ich beispielsweise von dem wunderbaren Strand, den ich im Urlaub an der Nordsee entlanggelaufen bin, dann spreche ich genaugenommen von einer Unmenge von Sandkörnern, zu denen ich eben „Strand“ sage. Aber Strand ist nur der Oberbegriff, der für sich selbst überhaupt nicht existiert. Dessen muss ich mir immer bewusst sein, spreche ich beispielsweise von „der“ Gesellschaft oder „den“ Deutschen.

Oder nehmen Sie einen Vogelschwarm. Will ich wissen, warum sich der Schwarm so und nicht anders bewegt, dann muss ich das Verhalten des einzelnen Tieres betrachten – und nicht den Schwarm, der macht nämlich nichts. So wie auch der Strand nichts macht, nur die Sandkörner. Und bei „den“ Deutschen ist es genauso. Natürlich haben wir uns an eine spezifische Kultur angepasst, aber letztlich geht es immer um das Individuum.

Es ist tatsächlich eine sehr paradoxe und nicht so einfach zu verstehende Situation. Der Einzelne hat nur Einfluss auf sich selbst, bestimmt gleichwohl wie jeder andere, was in der Gesellschaft geschieht. Wir sind also Eins und wieder auch viele. Um das denken zu können und letztlich dem gemäß handeln zu können, brauchen wir ein vollkommen anderes Selbstverständnis als bisher und wir brauchen auch ganz andere Kommunikationsformen.

Dazu gehört vor allem der wirkliche Dialog, ohne den wir dieser wirklich paradoxen Situation einfach nicht gerecht werden können. Um das zu erkennen ist es wohl erst einmal notwendig, sich auf ein anderes, neues Denken einzulassen. Die Alternative wäre einfach zu akzeptieren, dass die Quantenphysik ein anderes Weltbild beschreibt. Warum sich nicht einfach darauf einlassen? Ich fände das perfekt, denn anders als andere Philosophieen haben diese zumindest ihre technische Korrektheit schon längst unter Beweis gestellt.

Nur darf dann nicht der „gefühlten Ohnmacht“ gehuldigt werden. Wird das getan, kann es nämlich nichts mit „anders denken“ werden.