Wer fährt da eigentlich?

Wenn mich jemand fragt, ob ich heute Motorrad gefahren wäre, dann antworte ich mit einem „Ja!“, einfach deswegen, weil ich mich erinnere. Doch wenn ich fahre und wirklich nur fahre und nicht denke oder von etwas abgelenkt bin, was mit wachsender Fahrpraxis häufiger wird, wo bin ich dann? Da ist nicht die Spur eines Ich-Gefühls. Dieses ominöse Ich, dieses Selbst, ist doch eine Bewegung im üblichen Ich-weiß-schon-Bescheid-Wissen und in Erinnerungen. Das wirft die spannende Frage auf, ob ich so nicht nur während des Motorradfahrens, sondern überhaupt ohne die beiden leben kann, also ohne „ich“ und „Selbst“.

Ich bin der Überzeugung, dass es geht. Wenn es auf dem Motorrad geht, wieso dann nicht etwa auch im Gespräch? Es ist aber eine wirkliche Herausforderung, denn es bedeutet nicht nur anders zu denken, zu handeln und zu sprechen, sondern auch ein anderes Verständnis von der Welt und mir selbst zu haben. Und das nicht nur als Möglichkeit. Jemand, der sich eher als einen Intellektuellen sieht, wird Schwierigkeiten haben mit jemandem zu reden, der sich eher emotional erlebt und der denkt, er fühle die Dinge. Der eine bezieht sich auf seinen Verstand, sein Wissen und seine Logik, der andere auf Gefühl, Intuition und innere Führung.

Nun, es steht mir nicht zu, zu sagen wer jetzt Recht hat, ich kann nur sagen, dass beide für mich nicht stimmig denken, was nicht heißt, das Verstand, Intuition und Gefühl grundsätzlich falsch wären. Doch es ist meine Erfahrung, dass es einen dritten Weg gibt. Die Überzeugung, dass ich anders denken, handeln und auch sprechen muss, hat sich bei mir schon lange herausgebildet. Nur ich hatte irgendwie nichts, womit ich mir selbst die Richtigkeit meiner Annahmen beweisen konnte. Ich fällt mir halt schwer einfach nur etwas zu glauben, allein, weil es sich schön anhört. Nein, Verifikation muss sein. Und auf mein Gefühl verlasse ich mich schon lange nicht mehr, viel zu trügerisch. Was hat mich mein „Bauchgefühl“ schon verscheißert! Doch jetzt habe ich die ganz praktische Möglichkeit dazu definitiv gefunden: Motorradfahren.

Mit anderen Worten: Meditation, das Messen und die Kontemplation, das konzentrierte Betrachten, lassen in mir das Verständnis für die Welt und für mich entstehen. Doch wenn ich im stillen Kämmerlein meditiere und kontempliere ist es weit schwieriger, zu validen Ergebnissen zu kommen, als etwa über die Bedeutung des Doppelspaltversuchs für mein eigenes Selbstbild zu meditieren. Oder Motorrad zu fahren, etwas, das mich an meine Grenzen und ein Stück weit darüber hinaus bringt. Wobei ich das Meditieren über den Doppelspaltversuch und das Motorradfahren nicht als eine zu treffende Wahl ansehe, sondern als etwas Komplementäres, denn beides tanzt wunderbar Tango miteinander.

Das Weltbild, das die Quantenphysik zeichnet, ist ja alles andere als klar und eindeutig, sicher ist nur, dass die Welt ganz anders ist, als wohl die meisten Menschen glauben, wie sie wäre. Aber das aufzudröseln ist gar nicht so einfach, denn man muss erst einmal all die alten Ansichten und Überzeugungen loswerden. Und die sind verdammt beharrlich, denn sie hängen auch an unserer Sprache. Es geht beispielsweise nicht um die Frage, ob ich denke oder nicht denke, sondern es geht um etwas Drittes, das Denken durch Nicht-Denken, genauso wie um das Handeln durch Nicht-Handeln geht. Man handelt und handelt doch nicht. Und da soll man keinen Knoten in den Kopf bekommen?

Wie also kann ich denken und handeln und dabei nicht von Konditionierungen, also Vergangenem, ausgehen? Auf dem Motorrad geht das. Also geht es auch im alltäglichen Leben. Ich muss beispielsweise nur die Form ändern, in der ich kommuniziere. Und das heißt dialogisch zu kommunizieren. Aber wirklich dialogisch, nicht dieser übliche Stereo-Monolog. Dazu brauche ich nicht nur ein hohes Maß an Achtsamkeit und wirkliche Konzentration, sondern auch die Bereitschaft, mich immer wieder selbst in Frage zu stellen und auch stellen zu lassen. Achtsamkeit, genaues Betrachten, das Bewusstsein für die eigenen Konzepte und Ideale, von denen ich mich in meinem Denken und Handeln leiten lasse – diese Dinge machen die Form aus, durch die ich mein Leben gestalten will. Exakt wie beim Motorradfahren. Es geht nämlich nicht um das, was ich sein will, sondern um das, was und wie ich bin.

Es geht immer nur darum, wie ich bin. Das muss ich zum einen bereit sein zu erkennen und ich darf zum anderen nicht versuchen, irgendetwas darstellen zu wollen, etwas sein zu wollen. Dann, und nur dann, bin ich ich. Kleingeschrieben.