Tun, was ich tun will

Schwierig, wenn es etwas Neues ist. Denn mit „ich will“ funktioniert das schon einmal nicht. Auch das hat mir mein Motorrad beigebracht. Aber wie kann ich das, was ich eigentlich will, zum Funktionieren bringen?

Ich lese beispielsweise einen Artikel über die ideale Kurvenlinie. Klar, dass ich dann sage, das will ich auch können! Aber nur funktioniert das leider nicht, denn ich fahre weiter wie bisher. Und hinterschneide die Kurve ums Verrecken nicht. Entschuldigung für die Wortwahl, aber das nervt wirklich. Ich habe diese gedachte Linie zwar im Kopf, aber wieder auch nicht, denn sonst würde ich ja ohne weiteres so fahren können. Es gibt also zwei Bereiche in meinem Gehirn, einen, der für das Überlegen und Ventilieren zuständig ist und einen, der für die Ausführung verantwortlich zeichnet. Diese sitzen zwar beide zwischen meinen Ohren, aber sie reden nicht miteinander. Sie schauen sich nicht einmal an, sondern ignorieren sich völlig. Erst einmal.

Wie also bekomme ich die beiden dazu, miteinander zu reden? Denn das sollten sie, damit ich überhaupt anfange, die ideale Kurvenlinie einzuüben. Also sitzt hoffentlich bald noch ein Dritter mit am Tisch, einer der übt und der dann, wenn ich es endlich kann, wieder aufsteht und geht. Doch wie bekomme ich den an den Tisch und vor allem, dass die alle miteinander reden? Ganz einfach, mit dem Herrn Notwendigkeit. Und ich glaube, das ist keine Frau, jedenfalls nicht, was man so gemeinhin unter „Frau“ versteht, denn der ist ziemlich autoritär und sagt ganz klar: „Macht es oder vergesst es!“ Und dann funktioniert es auch. Ich muss die Notwendigkeit sehen und auf sie hören.

Doch was ist, wenn es um etwas sehr Grundsätzliches geht? Wenn ich mich dabei nicht mehr innerhalb meines gewohnten Lebensfeldes bewege, sondern etwas für mich eigentlich Undenkbares tun möchte und beispielsweise wirklich Zen praktizieren will? Oder eben Motorradfahren, wenn ich noch nie fuhr? Oder etwas lernen will zu tun, was ich überhaupt nicht drauf habe? Sagen Sie einmal einem Übergewichtigen, er soll abnehmen. Wird er das so einfach so tun? Nein, das wird er nicht. Das macht er nicht einmal dann, wenn er die Notwendigkeit dafür einsieht.

Ob es darum geht, Zen zu praktizieren, Motorrad zu fahren oder abzunehmen – ich jedenfalls habe das immer erst dann getan, wenn ich bereit war, meinem Ego – also mir selbst – den Stinkfinger zu zeigen. Erst wenn ich ganz klar gesehen habe, dass ein „Weiter-so“ vollkommen indiskutabel ist und die drohenden Konsequenzen nicht mehr hinnehmbar sind – dann war die Notwendigkeit da, etwas in meinem Leben zu ändern. Jedenfalls bei mir war es so.

Zu tun, was ich will, hat also zwei Aspekte oder Dimensionen. Bewege ich mich in einem Feld, das für mich hinreichend akzeptabel ist, dann brauche ich das Neue „nur“ einzuüben. Aber das ist unerlässlich, ohne das entstehen die notwendigen neuronalen Verbindungen nicht, die ich eben zum Tun brauche. Geht es aber um etwas, das außerhalb meines mir bekannten Möglichkeitsraums liegt, dann brauche ich den Stinkfinger, der meinem Ego sagt, dass es sich selbst überwinden soll. Mein Ego empfindet meinen mir bekannten Möglichkeitsraum als seins und fühlt sich massiv angegriffen, wenn es darüber hinaus gehen soll. Da kennt es sich nämlich nicht aus, da ist nur Leere für mein Ego. Und die hasst es. Es geht also zum einen darum, mich selbst zu überwinden sowie mein Ego zu ignorieren, und dann geht es darum, das auch noch ganz eigenständig, ohne jegliche fremde Hilfe zu tun. Anleitung ja, aber keine Hilfe. Niemand, der es für mich tut.

Dann, aber erst dann, kann ich auch tun, was ich tun will.