Theorie und Praxis

Eines der wirklich großen Probleme ist, dass ich nicht wissen kann, ob ich an einem Thema, etwa Achtsamkeit, nur intellektuell interessiert bin, es also nur verbal und dialektisch untersuche, aber nicht wirklich bin – bis ich nicht den Praxistest bestehe. Wo bekomme ich das unmittelbare Feedback, das mir etwa mein Motorrad vermittelt? Und wo ist es so unverbrämt von eigenen Interessen wie hier – mein Motorrad hat nämlich keine!

Bin ich bereit und in der Lage, wirklich zu erkennen, was in mir selbst vorgeht – und nicht in meinem Gegenüber oder einem anderen, so, als würde ich mich in einem Spiegel betrachten, ganz genau, ohne jegliches Urteilen? Das führt mich zu der Frage, weshalb und warum ich überhaupt irgendetwas beurteile – mach ich, mache ich nicht, mag ich, mag ich nicht, das ist richtig, das ist falsch. Auch wenn ich sage ich will bescheidener sein, mitfühlender oder was auch immer – stets ist da dieses „Ich will“. Doch warum ist es auf dem Motorrad weg? Warum mache ich da einfach, was ich mache? 

Und warum weiß ich da ganz genau, was ich besser machen kann und wo ich hinkommen will, vorausgesetzt natürlich, ich habe das entsprechende Wissen, etwa über den Kammschen Kreis oder über das natürliche Schräglagenmaximum von circa 20°? Warum ist es auf dem Motorrad so einfach, einfach das Stimmige zu tun und zu üben, als zu praktizieren, nicht aber im ganz gewöhnlichen Leben? Ganz einfach, weil auf dem Motorrad ist das Ich-Denken ziemlich ausgeschaltet, je zügiger ich unterwegs bin. Doch im normalen Alltag gilt Feuer frei für das „Ich“. Ganz einfach.

Im Alltag fehlt es oft an der dafür notwendigen Klarheit, ein Defizit, das sich auf dem Motorrad verbietet. Bedeutet das, dass mir im Alttag die Notwendigkeit dafür nicht ohne weiteres einsichtig ist? Genau darum geht es. Doch woraus ergibt sich die Notwendigkeit? Ganz einfach dadurch, dass wir in der Dichotomie leben. Wir müssen unsere tierischen Reaktionsmuster überwinden, soweit sie Auswirkungen auf unsere Psyche haben.

Es war das Bewusstsein seiner selbst, die Vernunftbegabung und das menschliche Vorstellungsvermögen, die jene ‚Harmonie‘ zerrissen haben, die für das tierische Dasein charakteristisch ist. Dies hat den Menschen in gewisser Weise zu einer Abnormität gemacht, zu einer Laune des Universums. Er ist ein Teil der Natur, ist ihren physikalischen Gesetzen unterworfen und kann diese Gesetze nicht ändern; dennoch transzendiert er die übrige Natur. Er ist von der Natur abgeteilt und zugleich ein Teil von ihr; er ist heimatlos und ist trotzdem an die gleiche Heimat gebunden, die er mit allen Geschöpfen gemeinsam hat.

Wir wollen auf allen Ebenen gewaltlos sein, doch wenn wir genau hinschauen, stellen wir fest, wir sind noch immer gewalttätig, so lange, bis wir dieses Ich-Denken überwunden haben. Das Problem ist, dass wir gewaltlos leben wollen – und damit treffen wir eine Wahl. Ich sage hier bewusst „wir“, denn das betrifft jeden von uns. Solange mein Denken noch differenziert, also zweigeteilt ist, habe ich diese inneren Konflikte, die mir die Sicht auf die Wirklichkeit verbauen, so wie sie ist. Doch das habe ich nicht einfach mal eben so bemerkt, erst das berufliche Scheitern und der damit zusammenhängende Wahnsinn haben in mir die Notwendigkeit entstehen lassen, mich selbst erst einmal zu hinterfragen. Und das Motorradfahren hat es noch einmal richtig offensichtlich gemacht, denn hier kann ich meine Gedanken nicht von meinem Handeln abspalten, wenn ich B sage mache ich auch B. Ganz anders aber im alltäglichen Leben.

Da erlebe ich ganz oft diese Gespaltenheit von Theorie und Praxis, wenn ich genau hinschaue, eine Gespaltenheit, die oft sehr, sehr subtil daherkommt.