Sprachlos

Schönheit kann ich nur erfahren, wenn ich keine Worte mehr dafür habe, es nicht mehr in Worte fassen kann. Genauso wie Angst. Sobald ich über meine Angst rede, trenne ich mich schon und mache sie zu etwas Äußerem, das ich glaube, sie beobachten zu können. Also geht es darum, mich aus der Bindung an Worte zu lösen, um mir letztlich bewusst sein zu können, das Worte nie die Sache selbst sind.

Dann, und wirklich nur dann, kann ich sehen, was ist. Auf dem Motorrad ist das sehr einfach, denn weder mein Motorrad, noch die Straße und auch nicht die anderen Verkehrsteilnehmer reden mit mir. Der Einzige, der dabei etwas zu sagen hat bin ich selbst. Und genau das ist es, was ich abzustellen lernen muss, will ich gut fahren. Nur so kann ich wahrnehmen, was in meinem Gehirn vorgeht. Zur Erinnerung: Davon ist mir das allerwenigste explizit bewusst, aber ich kann dessen gewahr sein, mir dessen implizit bewusst sein. Dazu muss ich still sein, nicht nur nicht reden, sondern gedankenstill sein.

Ich muss mir bewusst sein, was ich sage, was ich denke, auch meiner Haltung, wie ich mich bewege und ob ich gerade mal wieder die Stirn in Falten lege. All dessen muss ich vollständig gewahr sein. Und da darf keine Bewertung oder Beurteilung stattfinden, nicht die Spur einer Rechtfertigung oder etwas in dieser Art. Bin ich mir in jedem Augenblick, wirklich jedem, meiner Gedanken, Gefühle und Handlungen bewusst, alles, was mich ausmacht, meiner Absichten und Motive – dann hätte ich im selben Augenblick keine Probleme mehr mit meiner Nahrungsmittelaufnahme. Das ist der Unterschied zum Motorrad, hier vermisse ich (noch) das direkte Feedback. Das habe ich nämlich noch immer nicht, solange ich meine Essgewohnheiten unter Kontrolle bringen will, statt mir dessen gewahr zu sein.

Für mein alltägliches Leben bedeutet das mir bewusst zu werden, wie ich diese geistige Sensibilität behindere – und lasse. Ich muss mir darüber im Klaren sein, dass alles, was ich wahrnehme, mich zu einer wie auch immer gearteten Reaktion veranlasst, und das, ohne dass ich mir dessen bewusst wäre. Was ja genau das Problem ist, die fehlende Bewusstheit. Und zu der verhelfen mir auch keine Modelle oder sonst etwas. Das kann ich nur sein oder eben nicht. Das bedeutet, dass ich die Welt falsch sehe, weil ich den falschen Blickwinkel habe. Ich bräuchte mich einfach nur umdrehen und aus dem Gefängnis heraus zu spazieren – statt am Gitter zu rütteln, denn die Tür steht offen. Mit anderen Worten: Ich muss nur in die andere Richtung denken.

Ich brauche mich „nur“ aus Konventionen und Konditionierungen zu lösen. Essen ist eine solche Konditionierung für mich. Da helfen keine Diätpläne, ich muss die Konditionierung begreifen, der ich folge. Sollte eigentlich gehen, auf dem Motorrad habe ich auch einige meiner Lieblingskonditionierungen hinter mir gelassen. Es braucht eben keine Anstrengung, schlank zu werden und zu sein. Und ich muss mich auch nicht disziplinieren oder kasernieren und mich auch nicht fragen, welche Methode mir hilft. Ich muss nur die Konditionierung los werden.

Mich anzustrengen verhindert meine Intelligenz, legt sie regelrecht lahm. Doch ohne Anstrengung zu leben bedeutet, richtig verstanden, ein hohes Maß an Sensibilität. Es bedeutet den inneren Konflikt, diese Zweigeteiltheit in Innen und Außen, in Ich und die Anderen zu verstehen und zu überwinden, statt sie mit immer neuen Erklärungen und anderen Begriffen weiter und weiter zu vertiefen.