Selbsterkenntnis

In der wirklichen Selbsterkenntnis geht es nicht um das Erkennen der Stärken, sondern um die Erkenntnis der eigenen Schwächen. Stärken erkennen zu wollen lenkt nur ab und stärkt auch noch den Irrglauben, wir hätten nicht von Natur aus, was wir brauchen. Ein gewaltiger Irrtum.

Eine unserer gravierendsten Schwächen ist die Konditionierung und die Konvention. Konditionierung ist wie ein Verbotsschild, diese wunderschöne und faszinierende Gegend nicht zu betreten. Und die Konvention verleitet uns permanent dazu, uns hinter einer Maske zu verstellen und anderen nicht die Wahrheit zu sagen, sondern lieber diskret wegzuschauen, wenn sie sich völlig falsch verhalten. Konditionierung und Konvention stehen der Erkenntnis dessen, was wirklich ist, gewaltig im Weg.

Würden wir aber die Gefährlichkeit der Konditionierung erkennen, sie wirklich erkennen und zu was sie uns macht, und würden wir die darin liegende Notwendigkeit erkennen, endlich dialogisch miteinander umzugehen, dann würde sie einfach aufhören. Nichts wäre zu tun, sondern nur zu sehen, zu was uns die Konditionierung macht. Natürlich gehen solche Erkenntnisprozesse am besten alleine, wenn man ganz für sich ist. Setze ich mich auf mein Motorrad, erlebe ich meine Konditionierungen und meine Konventionen unmittelbar.

Es ist die darin liegende Herausforderung, die derart entlarvend ist. Wie aber übertrage ich das in das normale Leben? Da ist einmal das Verlangen nach Sicherheit. Körperliche Sicherheit, klar, will ich. Aber nicht um jeden Preis, denn dann darf ich mich nicht mehr aus dem Haus wagen und sollte besser im Bett bleiben. Also die notwendigen Vorkehrungen und keine Nachlässigkeiten. Es ist der Wechsel von Angst vor etwas zu Respekt davor. Und gedankliche Unverletzlichkeit? Wozu? Ich brauche auch keine Angst davor zu haben, einen anderen zu verletzen, sondern der wohlverstandene Respekt sagt dann schon „Stopp!“

Auf Sicherheit zu hoffen macht mich unbeweglich. Es geht alleine darum, das Angemessene zu tun. Und so, wie ich mich immer konzentriere, bevor ich losfahre, dass ich alles beachtet habe, was es zu beachten gibt, genauso muss ich mich auch in meinem ganz normalen Leben in jedem Moment darauf konzentrieren, das Angemessene zu tun. Was natürlich voraussetzt, dass ich dafür eine Matrix habe. Also hoffe ich nicht mehr auf eine ideale Vorstellung, sondern baue auf das, was ich tue.

Baue ich mein Leben auf dem Gefühl von Sicherheit auf, werde ich immer wieder enttäuscht. Und mit jeder Enttäuschung werde ich ein wenig frustrierter sein. Wirklich Zeit, damit aufzuhören! Mein Leben auf dem Gefühl von Sicherheit aufzubauen ist wie mich permanent auf Droge zu halten, damit ich nicht merke, wie es wirklich ist. Statt dass ich ganz nüchtern einfach tue, was zu tun ist. Und zu erkennen, dass ich auf Droge bin und dann auch noch damit aufzuhören, das nenne ich wirkliche Selbsterkenntnis. Und wenn ich wirklich begreife, dass Sicherheit immer nur eine Erwartungshaltung ist und nur eine Hoffnung auf den Nichteintritt eines nur vorgestellten Ereignisses in der Zukunft, dann ist das das Ende der Konditionierung.

Sobald ich aber erkenne, dass Konditionierungen nichts mit der Wirklichkeit zu tun haben, komme ich da raus. Das ist Selbsterkenntnis, denn dadurch erfahre ich, dass es allein darauf ankommt, was ich tue.