Sehen, was ist

Das verhindert jede Art von Problemen. Definitiv. Ich komme noch einmal auf meine letzte Galtür-Reise zurück. Ich hatte definitiv ein „Problem“ mit dem Regen und diesen Felswänden, vor denen ich nicht nur Respekt hatte, sondern regelrecht Angst. Ich hatte definitiv ein Problem. Was aber habe ich nicht gesehen?

Ganz einfach, ich hatte mich und mein fahrerisches Können überschätzt, denn ich hatte eine solche Situation noch nie erlebt und das hat mich so überfordert, dass sich all mein Wissen in Luft aufgelöst hatte. Das und die Tatsache, dass ich alles mit einem Kommentar versehen habe. Das hat mir regelrecht den Boden unter den Füßen weggezogen. Latent war es schon immer da, dieses alles kommentieren, nur in der Kombination mit dem Regen war es schlicht und einfach fatal. Gott sei Dank hatte ich den Mum, meine Schwäche sichtbar werden zu lassen und habe mich da nicht „durchgepeitscht“.

Was übrigens sehr interessant war, denn die Erfahrung kenne ich „eigentlich“ auch aus meinem früheren beruflichen Leben. Wenn ich klar zu erkennen gebe, dass ich mit etwas nicht umgehen kann und es eben nicht vor anderen zu verstecken und verbergen suche, wird mir ganz oft unversehens Hilfe zuteil. Es war vor allem der Kommentar, dass ich wie ein Anwalt führe, der mich innerlich still werden und mich selbst ohne jeglichen Kommentar beobachten und sehen ließ, was ist, also erkennen ließ, was in mir selbst in Bezug auf die anderen und die Situationen vorgeht. In diesem Gewahrsein entfaltete sich das Problem ganz von selbst und und ich habe etwas für mein Leben begriffen: Es ist dieses oft automatisch und auch sehr oft unbemerkt einsetzende Urteilen, das mir Probleme schafft.

Doch wie stelle ich das ab? Auf dem Motorrad bin ich dabei, Stichwort Tunnelblick, zu einer stetigen Praxis zu finden. Da war und ist einer, bei dem ich anerkannt habe, dass er besser ist als ich, dem ich auch vertraue, dass er mehr weiß als ich, und der mir indirekt gesagt hat, was ich bin: Blind für mich selbst. Ich habe mich selbst nicht wahrgenommen, mich selbst nicht gesehen. Mir fehlte – warum auch immer – die Bewusstheit für mich selbst. Doch um das erkennen zu können, muss ich mir darüber klar sein, was ich nicht tue beziehungsweise, was ich tun sollte. Ich muss wissen, was Gewahrsein, Achtsamkeit und Aufmerksamkeit bedeuten. Gewahrsein, das bedeutet vor allem, dass ich nicht wähle, nichts bewerte oder darüber urteile.

Doch genau das tue ich vielleicht nicht ständig, aber zu oft im alltäglichen Leben. Die Folge ist, ich kann nicht sehen, was ist. Wirklich zu sehen, was ist, bedeutet gerade, keine Meinung dazu zu haben, nicht das Eine gegen das Andere abzuwägen und so voneinander zu trennen. Achtsam zu sein bedeutet gleichermaßen, nicht auszuwählen. Sobald ich darüber aber nachdenke, bin ich es schon nicht mehr, denn dann spalte ich es in ein „ich“ und Achtsamsein. Doch warum gelingt mir diese Achtsamkeit auf dem Motorrad leichter als sonst? Ich denke, es liegt daran, dass ich auf dem Motorrad nicht so viel Zeit habe, um mir zu allem ein Urteil bilden zu können – will ich weiterhin zügig fahren. So lösen sich die Grenzen zwischen mir und dem anderen auf, es wird zu Einem, der Situation.

Genau daraus ziehe ich mich heraus, wenn ich eine Grenze definiere. Damit baue ich regelrecht eine Mauer um mich herum, über die mich der andere nicht sieht, ich ihn aber auch nicht. Was ja nun wirklich nicht bedeutet, dass ich ein anderes Auto nicht sehen und ihm nicht aus dem Weg gehen würde. Wenn jemand uns sagt, wir sollen die Gespaltenheit aufgeben, bekommen wir ja sofort Schnappatmung. Was ich auch verstehen kann, wir haben erst einmal einfach nicht die Erfahrung, dass uns nichts passieren kann. Mit anderen Worten: Wir vertrauen unseren eigenen Kompetenzen nicht.

Das ist die Revolution, die wir anstreben sollten, diese innere, absolute Revolution – nicht mehr zur urteilen und zu bewerten. In welchem Zustand ist dann der Geist, „mein“ Geist, wenn ich absolut achtsam bin? Es ist ein Geist ohne Attribute, ohne Zentrum, noch gibt es eine Begrenzung. Aber man darf sich das nicht nur vorstellen, man muss diesen Zustand selbst zu erfahren suchen, ohne jemanden, der sucht oder erfährt.

Das heißt, dass ich mir dessen gerade nicht bewusst bin, dass ich es tue! Eine echte Herausforderung. Nur wenn ich mich vollkommen auf das einlassen kann, was ist, ohne jegliche Beurteilung oder Wertung, wenn ich keinerlei Meinung dazu habe, dann (erst) nehme ich wahr, erst dann kann ich wahrnehmen, was ist. Da gibt es dann keine Trennung mehr zwischen Innen und Außen und es gibt auch keine verborgenen, unbewussten Vorgänge mehr.

Wenn ich wahllos gewahr bin, dann bin ich achtsam, nicht, wenn ich mir vornehme, achtsam zu sein. Genau diese Erfahrung habe ich auf dem Motorrad gemacht. Nur wenn ich nichts sein will, kann ich es sein. Dann bin ich mir all der Dinge um mich herum bewusst, wie auch meiner Empfindungen darauf. Je weniger ich will, desto mehr nehme ich wahr, kleinste Nuancen kommen mit einem Mal bei mir an, Gerüche, Farben, Temperatur, Wind, einfach alles. Das nenne ich Aufmerksamkeit.

Bin ich ganz aufmerksam bin ich sozusagen die Welt, bin ich unaufmerksam, dann bin ich nur ich selbst. Meine alten Gewohnheiten brauchen genau diese Unaufmerksamkeit, um existieren zu können. In der Aufmerksamkeit können sie nicht weiter existieren. In der Aufmerksamkeit wird mit den alten Gewohnheiten gebrochen. Gute Motorradfahrer wissen das! Also muss ich mich fragen, was mich daran hindert, immer aufmerksam zu sein! Ganz einfach.

Ich muss nur erkennen, dass es so ist. Nichts weiter.