Sehen, was ist

Das ist manchmal gar nicht so einfach, denn es bedeutet vor allem anzuerkennen, was ist. Ohne irgendwelchen Zusatz. Wer aber gesteht schon gerne coram publico ein, Angst zu haben oder nicht mehr weiter zu können? Genau das habe ich auf meiner Galtür-Reise erlebt. Ich hetzte mich nicht weiter, sondern blieb stehen und sagte ganz einfach zu mir selbst (und den anderen), dass ich hier an meiner Grenze angekommen war. Und dass die Schranke zu war. Bis mir dann mein Freund die Schranke wieder aufmachte und mich in ein für mich neues Land führte. Aber da wäre ich nie angekommen, hätte ich weiter so getan „als ob“.

Das, was ich dann durch ihn erfahren und erkannt habe, hat Spuren in meinem Gehirn hinterlassen. Seither kann ich sagen, dass ich es weiß. Und genau damit begegne ich der nächsten Erfahrung, ich interpretiere die neue Erfahrung mit der vorhergegangenen. Und genau deshalb ist die zweite Erfahrung nicht wirklich neu, die alte steckt in ihr. Ich betrachte alles durch die Brille meines Wissens. Was beim Motorradfahren auch seine guten Seiten hat, aber nur, wenn es stimmiges Wissen ist. Also bediene ich mich der Erkenntnis der Physiker und erfahrener Fahrer und verifiziere das. Darum bin ich an Motorradstammtischen auch ziemlich desinteressiert.

Auf dem Motorrad ist das noch recht einfach, denn da herrschen erst einmal die Gesetze der klassischen Physik. Aber nicht bei mir selbst, da gelten andere Gesetzmäßigkeiten. Und die lassen sich nicht definieren, nur beschreiben. Also muss ich auf dem Motorrad beide Bereiche miteinander verbinden, sozusagen eine Theorie von Allem bilden, bezogen auf das Motorradfahren, in der sich sowohl das Motorrad wie auch ich selbst befinden und als eine einzige Bewegung im Raum sichtbar sind. Doch diese Bewegung „denkt nicht nach“, und wenn doch, dann fahre ich recht wackelig. Ich musste also lernen, mein Wissen wieder vergessen zu können, indem ich es so lange einübe, bis es zu implizitem Wissen, also verinnerlichtem Wissen geworden ist, Wissen, das keiner Überlegung mehr bedarf.

Etwas ganz anderes ist, was ich von Anderen nur gehört habe. Das sollte ich nicht unreflektiert und unverifiziert zu implizitem Wissen verarbeiten, sondern komplett lassen. Ich darf überhaupt keine Meinung dazu haben, denn das ist der Anfang von unzutreffendem Wissen. Denn kein „Wissen“ hat einen Qualitäts- oder Stimmigkeitsstempel. Und nur, weil ich etwas glaube, muss es noch lange nicht stimmen. Es ist schlichtweg übel, wenn ich diese Art des Wissens auf Lebendiges anwende. Denn nicht selbst reflektiertes Wissen ist nie mehr als ein Konzept oder eine Methode – und damit kann ich gewaltig falsch liegen. In menschlichen Beziehungen hat nicht reflektiertes Wissen einfach keinen Platz, absolut keinen. Und implizites Wissen beobachtet nicht, urteilt nicht und bewertet nicht. Kein Beobachter. Wenn ich eine Beziehung analysiere, ist sie schon im selben Augenblick eine schlechte.

Tja, da gibt es noch Einiges für mich zu realisieren.