Konditionierung

Als ich anfing, Motorrad zu fahren, begann ich zu kapieren, wie sehr ich in der Vergangenheit gefangen bin. Das ist beim Wechsel vom Auto auf das Motorrad so und leider auch im ganz normalen Leben. Wenn ich etwa an meinen Bruder denke, mit dem ich demnächst eine Tour unternehmen werde, dann denke ich an Vergangenes. Und das ist nicht, wie er ist, sondern wie ich ihn wahrgenommen habe. Wobei schon das Wort wahr-nehmen die Frage aufwirft, was überhaupt wahr ist. Was ich erlebt habe, habe ich eben für wahr genommen, dabei ist es doch nur meine Interpretation der Dinge.

Will ich in meinem Leben etwas radikal ändern – etwa zu lernen, Motorrad zu fahren – dann muss ich meine alten Muster, Überzeugungen und Gewohnheiten aufgeben, muss mich aus Vergangenem lösen. Beharre ich darauf, werde ich nie ordentlich Motorradfahren lernen. Und erst recht gilt das für unser alltägliches Zusammenleben. So wie mich das Autofahren konditioniert hat, die Dinge auf eine spezifische Art wahrzunehmen, zwingt mich das Motorradfahren regelrecht, sie auf eine andere Art und Weise wahrzunehmen.

Ob Auto oder Motorrad – es scheint sehr praktisch zu sein, tatsächlich aber ist es ein psychischer Prozess, der mich fahren lässt. Und die Verantwortung für die Gestaltung dieses Prozesses  liegt eindeutig bei mir, meine Fahrlehrer konnten mir nur die praktischen Auswirkungen meines Verhaltens deutlich machen – mehr aber auch nicht. Wenn ich mich einmal verbremse, mache ich dafür ja nicht meinen Fahrlehrer verantwortlich, denn das bin ich schon selbst. Und im normalen Leben sollte ich auch nicht Eltern, Lehrer, Freunde, Bekannte und Kunden dafür verantwortlich machen, was ich gerade tue. Nein, dafür bin ich alleine zeichnungsberechtigt, niemand sonst.

So wie ich mich, je länger ich Motorrad fahre, auch selbst als Motorradfahrer identifiziere, genauso habe ich mich im „normalen“ Leben mit meiner Herkunft, meinem Beruf und so weiter identifiziert. Eine gute Gelegenheit, das doch einmal alles zu hinterfragen. Und das Motorrad hat mir gezeigt, dass ich kein Gefangener der Vergangenheit sein muss. Ich kann das ändern – wenn ich es ändern will. Und dazu gehört auch meine Natur, mein Wesen. Denn das ist alles, nur nicht vorherbestimmt, sondern ein Prozess. Und ob es immer der gleiche ist, das entscheide ich höchst persönlich. Das geht sehr tief, denn wir wissen heute, dass es an einem selbst liegt, ob manche Gene an oder abgeschaltet werden. Auf dem Motorrad weiß ich, dass ich alleine der Chef bin. Warum also sollte ich das im Alltag nicht auch sein?

Auf dem Motorrad kann ich nicht kontrollieren, wie ich bin, es ist ein Prozess aus Bewusstheit für mich selbst plus Übung, der mich sein lässt wie ich bin. Und genau deswegen ist auch sonst Bewusstheit notwendig – und Kontrolle kontraproduktiv. Entscheidend ist, dass ich selbst es bin, der mich konditioniert. Also liegt es auch in meiner Macht, mich wieder daraus zu lösen. Entscheidend ist, dass ich es für möglich halte. So wie ich es für möglich hielt, Motorradfahren zu lernen. Das knackt die Konditionierungen.