Jenseits jeglicher Erfahrung

Wenn ich auf dem Motorrad nicht mehr erlebe, dass ich Motorrad fahre, sondern da nur noch Motorradfahren ist – das ist wirkliche Meditation. Doch die interessante Frage ist, warum es mir so schwer fällt, das im ganz normalen Alltag auch so handzuhaben, so zu sein? Nicht mehr zu wollen, nicht mehr zu kontrollieren, nicht mehr zu bewerten und zu beurteilen und einfach einmal die Trennung zwischen „mir“ und allem anderen sein zu lassen? Gute Frage, oder nicht?

Oder ist das überhaupt nicht möglich? Was habe ich davon, wenn ich all das tue und mich nicht wie üblich verhalte? Ganz einfach: Ich werde bessere Beziehungen haben, Wahrscheinlich weniger, aber eben bessere. Ehrlicher, offener, aufrichtiger. Auf dem Motorrad bin ich alleine, da ist es leichter, „bei mir selbst zu bleiben“. Doch sobald andere dabei sind, wird es schwieriger, die Situationen werden immer komplexer. Eine regelrechte Einladung für konventionelles Verhalten.

Und genau deswegen sollte ich mir nicht nur öfters, sondern überhaupt meiner Reaktionen bewusst sein. Nicht nur auf dem Motorrad, sondern gerade auch in Beziehungen. Schließlich machen die ja mein Leben aus und weniger das Motorradfahren. Das ist auch so wichtig, weil mein Unterbewusstsein nicht wählerisch ist. Übrigens keines. Die Relativierungen und Abwägungen, die ich mache, denke ich bewusst über etwas nach, macht es nicht, es fährt eine klare Linie. Und das sollte ich auch, doch dazu muss ich mir erst einmal bewusst werden, was so in mir vorgeht, bevor ich es ändern kann.

So wie ich auf dem Motorrad erkennen konnte und immer wieder erkennen kann, wie ich gerade drauf bin kann ich auch in meinen Beziehungen erkennen, wo ich gedanklich wirklich unterwegs bin. Ein ganz banales Beispiel: Ich habe vor einiger Zeit begriffen, dass irgendwelche anderen Krabbeltierchen ihre Funktion haben, schließlich wohnen da auch einige in „meinem“ Körper. Auch, die mich stechen oder mir etwas kaputtmachen könnten wie Motten werden erst einmal versucht, auszuschließen und nicht gleich zu töten. Heute war ich kurz davor einem Krabbeltier den Garaus zu machen, aber da war ein kurzes Zögern, das mir Zeit für das „Stop“ gab. Und es wanderte hinaus in den Garten, wenn auch nicht freiwillig. Es ist dieses Zögern, das mir sagt, dass ich mein Unterbewusstsein, also mein neuronales Netzwerk diesbezüglich schon ziemlich umgebaut habe. Und genau darum geht es: Bewusstsein und die neuronale Neuorganisation. Allein zu „sehen“ was richtig wäre genügt eben nicht. Ich muss es auch tun.

Es ist eine Sache, den oder die Andere überhaupt wahrzunehmen, eine andere ist es, miteinander einen Tango zu tanzen. Oder einen Dialog zu führen. Aber beides, der Tango und der Dialog, gelingen nur, wenn wir das Ego draußen lassen. Wie auf dem Motorrad. Was wieder die Frage aufwirft: Warum nicht immer so sein? Etwa im Job oder einer Begegnung auf der Straße? Warum nebeneinander herlaufen wie zwei parallele Linien, die sich nie berühren? Warum nicht etwas daraus weben und am Ende die Grenzen ganz aufzulösen und Eines daraus werden lassen?

Wenn ich in unseren Garten schaue, dann sehe ich, dass darin alles in Beziehung ist. Dann frage ich mich schon, wie ich heute Abend auf dem Keller mit den anderen Menschen in Beziehung sein werde, so wie eben die Pflanzen, denen wir so leicht jegliche Intelligenz absprechen. Dabei sollten wir sie und die Natur eher als den Zen-Meister anerkennen, bei dem wir lernen können zu sehen, wer und wie wir sind. Um dann auch noch entsprechend zu handeln.