Gehirn und Geist

Eine vielleicht notwendige Unterscheidung. Mein Gehirn ist der Speicher für mein Wissen, meine Annahmen, meine Überlegungen wie für meine Vorurteile, meine Konditionierungen und die Regeln der Konvention. All das nimmt mein Gehirn durch meine Erfahrungen auf, um sich dann auch noch daran zu erinnern. Und all mein Denken resultiert daraus.

Will ich aber diese Grenze überschreiten und etwas Neues, Nicht-Mechanisches einüben, muss ich den Verstand und das Denken einmal sein lassen. Denn damit schaffe ich den Raum für den Geist, eine ganz andere Dimension, der nichts mit dem Denken zu tun hat. Ich habe also die Wahl zwischen Konditionierung einerseits und Einsicht andererseits. Doch das bedeutet eben nicht, dass ich auf den Verstand und das Denken verzichten sollte! Motorradfahren beispielsweise hat sowohl einen technisch-mechanischen wie einen geistig-psychischen Aspekt. Für das Mechanische sind mein Denken und mein Verstand zuständig, nicht aber für das Psychische!

Durch das Motorradfahren habe ich definitiv begriffen, dass man Mechanisches strikt von Lebendigem trennen muss und nicht in einen Topf werfen darf. Also muss ich mich permanent ganz genau fragen, um was für eine Art von Prozess es sich handelt, mit dem ich mich gerade beschäftige. Und das ist wirklich eine Herausforderung, das Eine immer sauber vom Anderen auseinander zu halten. Viele Dinge, die wir ganz selbstverständlich tun, haben diese beiden Komponenten. Kochen etwa, aber auch ein Gespräch. Sprache folgt ganz klaren Regeln und ist in diesem Sinn auch mechanisch, nicht aber das Gespräch, das ist ein Miteinander von Sprache und Sprechendem.

Funktioniert mein Moped nicht ordentlich, dann ist es nichts mit Motorradfahren. Genauso wie bei einem Gespräch. Stimmt die Sprache nicht, wird es nichts mit dem Gespräch. Oder Wohnen. Wohnen ist das Zusammenwirken von meiner Wohnung und mir selbst. Ich gieße gerade bei Nachbarn die Blumen, und da ist mir wieder einmal aufgefallen, wie die Persönlichkeit der Menschen auch in der rein mechanischen Anordnung der Möbel steckt, genauer in ihrem Ordnungssystem.

Wenn ich also sein will, was ich bin, muss ich mich erst einmal auf der rein geistigen Ebene ohne irgendwelche Konzepte erkennen können, doch dann muss ich das, will ich das auch leben, ganz konkret umsetzen. Wenn ich auf der geistigen Ebene Vollständigkeit erfahre, kann ich das jedoch nur leben, wenn ich es auch auf der materiellen Ebene eins zu eins umsetze. Als ich mir bewusst wurde, wie ich Motorradfahren will, begann ich unbewusst sehr bewusst darauf zu achten, wie ich das „Setting“ gestaltete. Also möglichst keine Nachlässigkeit!

Mein Gehirn ist ja nicht nur mein individuelles und persönliches Denkorgan, sondern auch der Transmitter für den universellen Geist. Und je klarer und offener mein Denken ist, desto mehr öffnet es auch den Zugang zu dem kosmischen Geist wie zu Intelligenz und zu Bewusstheit. Das Geistige kann ich nicht für mich persönlich in Anspruch nehmen, wohl aber bin ich dafür zuständig, was ich davon in meinem Gehirn aufzunehmen in der Lage bin. Das sind Überlegungen, die ich mit meinem Verstand und meinem Denken erfassen kann und auch muss, denn schließlich will ich auch dementsprechend handeln. Und – ganz banal – wie will ich Motorradfahren, wenn ich nicht weiß, wo es steht und wo meine Stiefel, meine Hose, meine Jacke, mein Helm und meine Handschuhe sind?

Für mich gehören Gehirn und Geist zusammen. Die erst einmal notwendige Differenzierung ist allein der Tatsache geschuldet, dass ich mich oft noch im rein mechanischen Denken bewege und den geistigen Aspekt nicht immer beachte. Will ich mich aber für den Geist öffnen, muss das Gehirn die Klappe halten und einfach still sein und mal keine Meinung haben. Eben einen Dialog führen. Erst still sein, dann denken. Und das im Wechsel.