Charaktersache

Pech, wenn man sich nicht verstellen kann. Oder ist es Glück? Nirgendwo sonst habe ich Menschen so gut kennengelernt wie auf Motorradtouren, einfach dadurch, dass ich sie beobachtet habe, wie sie fahren. In diesen doch herausfordernden Situationen des Fahrens, auch des miteinander in Gruppen Fahrens, zeigt sich sehr gut, wessen Geistes Kind jemand ist. Und auch ich selbst kann mich da natürlich nicht wirklich verbergen. Wenig Raum für Konvention. Es ist nicht die Frage, wie ich fahre, sondern wie ich damit umgehe!

Ich glaube, ich habe noch nie Beziehungen so genau wahrzunehmen gelernt wie auf meinen Motorradtouren. In der „gewöhnlichen“ Begegnung scheuen sich viele, sich zu zeigen, wie sie wirklich sind, sie bedienen sich lieber der Konvention, auch in der Begegnung. Doch auf dem Motorrad funktioniert das eben nicht wirklich. Ohne diese Offenbarung aber hat Beziehung wenig Bedeutung. Vielleicht ein Grund, warum sich Motorradfahrer anders begegnen und anders mit einander umgehen?

Auf dem Motorrad kann ich mich weniger gut darstellen als sonst, bin ich (zwangsweise) „echter“. Und gibt es diesen ständigen Prozess etwas darstellen zu wollen nicht, dann kann mich auch niemand verletzen, denn da ist dann nichts, was verletzt werden könnte. Doch wenn ich diese Vorstellung von mir realisieren will, wie kann ich da in der Beziehung wirklich ich selbst sein? Überhaupt nicht! Das, was dann bleibt, ist die Illusion einer Beziehung. Wir wissen, dass wir uns ständig Vorstellungen über uns selbst machen, aber ich jedenfalls habe mich lange nicht gefragt, wie ich das beenden kann. Vielleicht, weil ich von klein auf daran gewöhnt war, diese Illusionen in meinen Beziehungen für die Weiblichkeit zu halten.

Es waren – und sind – die herausfordernden Situationen in meinem Leben, die mir geholfen haben, mich selbst kennenzulernen, zu sehen, wie ich bin, und nicht, was ich gerne wäre. Als meine erste Tochter geboren wurde, habe ich immer gesagt, ich heiße nicht „Papa“, sondern Peter, denn „Papa“ sei eine Berufsbezeichnung. Nur habe ich leider erst viel, viel später damit angefangen, entsprechend zu leben, also keine Vorstellungen von mir im Kopf zu haben und sie auch nicht meinen Kindern und anderen aufzuoktroyieren. Das größte Hindernis war definitiv mein Beruf als Anwalt. Und mein Ausstieg aus der Konvention begann mit meinem Ausstieg aus dem Beruf und aus einem Denken, das die Welt nicht als Einheit sieht.

Doch wenn ich mich frage, „wie“ ich das beenden kann, klappt es nicht, denn dann komme ich unweigerlich in das Denken mechanischer Prozesse, die doch nur wieder Vorstellungen generieren. Solange ich aber Vorstellungen von mir habe, bin ich nicht wirklich ich. Und wie könnte ich dann der Welt friedfertig oder liebevoll begegnen? Dabei ist es eigentlich ganz einfach. Ich brauche mich nur nicht zu verstellen. Natürlich erst einmal für mich alleine, damit ich niemanden auf den Kopf haue. Auf dem Motorrad beispielsweise, da geht das ganz gut. Es geht dabei nicht um Emotionen oder sonst etwas, sondern um Fakten, einfach darum, wie ich bin.

Eine wirkliche Charaktersache.