Bewusstheit durch Tun

Was auch immer ich tue, dessen bin ich mir zwangsläufig bewusst, doch das bedeutet nicht, dass ich das auch erklären könnte. Ich bin mir etwa bewusst, dass ich dieses leckere Stück Kuchen essen will, doch ich könnte nicht sagen, warum ich es essen will. Da kommen dann nur so lapidare Erklärungen wie „habe halt Lust darauf“ oder so. Dass ich es vielleicht essen will, weil ich gerade gierig nach Süßem bin, weil ich innerlich frustriert bin – keine Ahnung. Die wirklichen Motive kann ich nun einmal nicht erklären – aber sie sind mir bewusst.

Ich kann also erklären, was ich tue, aber nicht warum ich es tue. Das wirf die Frage nach Körper und Geist auf und wie die beiden miteinander agieren. Tja, wie kommt der Geist in den Körper? Eine Frage, die schon Legionen von Philosophen beschäftigt hat. Doch mittlerweile ist sich die Welt der Wissenschaft zunehmend einig, dass Körper und Psyche nicht zu trennen sind, auch wenn wir uns selbst meist immer noch aus einem mechanistischen Blickwinkel betrachten. Der ist nun einmal schwer loszuwerden. Aber dass ich ihn noch immer benutze, macht ihn nicht besser, er ist und bleibt falsch. Mein Körper ist eben keine biologische Maschine, einer der Gründe, warum ich, wenn möglich, zu einem TCM Arzt gehe.

Körper und Psyche sind ein ineinander verwobenes System. Die Trennung ist nur unserem Weltbild und unserer Sprache zu verdanken, aber in Wahrheit sind sie Eins. Wobei beides letztlich wohl im Geist seinen Ursprung hat, aber nicht dem „Geist“ wie ich ihn normalerweise verstehe, also nicht im Denken, meinen Meinungen, Ansichten, Überzeugungen und Sichtweisen, meinem Welt- und Selbstbild. Der Geist, in dem alles seinen Ursprung hat, schreibe ich zur Differenzierung von „meinem“ Geist „GEIST“. Die Engländer sind uns da voraus, sie unterscheiden korrekt zwischen „Mind“ und „Spirit“. Ja, es ist schon blöd, dass ich die Einheit der Dinge bei mir selbst erst wieder zu sehen lernen muss. Aber so ist es nun einmal. Und das hat einen Grund, leider.

Solange das „Ich“ im Zentrum des Prozesses der Wahrnehmung steht, nehme ich in erster Linie mich selbst wahr, aber nicht den Anderen, jedenfalls nicht klar, sondern nur wie durch eine trübe Scheibe. Allein wenn ich mich vollkommen auf das einlassen kann, was ist, ohne jegliche Beurteilung oder Wertung, wenn ich absolut keine Meinung dazu habe, (erst) dann nehme ich wirklich wahr, was ist. Da gibt es dann keine Trennung mehr zwischen Innen und Außen und es gibt auch keine verborgenen, unbewussten Vorgänge.

Wenn ich wahllos gewahr bin, dann bin ich achtsam, nicht aber, wenn ich mir vornehme, achtsam zu sein. Genau diese Erfahrung habe ich auf dem Motorrad gemacht. Solange ich etwas sein will, bin ich es nicht und kann es auch nicht sein. Nur wenn ich nicht bin, kann ich es sein. Dann bin ich mir mit einem Mal all der Dinge um mich herum bewusst wie auch meiner Empfindungen dazu. Je weniger ich will, desto mehr nehme ich wahr, kleinste Nuancen kommen mit einem Mal bei mir an, Gerüche, Farben, Temperatur, Wind, einfach alles. Das nenne ich Achtsamkeit.

Es gibt eine Geschichte von einem Zen-Meister, die lustig klingt, aber ganz ernst gemeint ist. Der hat sich selbst immer wieder beim Namen gerufen und gefragt „Bokuju?“ Und er antwortete dann mit „Ja Herr, ich bin hier.“ Oft fragten ihn seine Schüler: „Warum rufst du immer ‚Bokuju‘, deinen eigenen Namen, und antwortest dann: ‚Ja Herr, ich bin hier‘?“ Er sagte darauf: „Jedesmal, wenn ich ins Denken gerate, muss ich mich daran erinnern, wach zu bleiben, also rufe ich meinen eigenen Namen – ‚Bokuju‘. In dem Moment, wo ich Bokuju rufe und sage: ‚Ja Herr, ich bin da,‘ verschwindet das Denken, die Angst.“

Bin ich ganz achtsam und eben da und nicht in Gedanken verloren, bin ich sozusagen die Welt, bin ich unachtsam und abwesend, dann bin ich nur ich selbst. Meine alten Gewohnheiten brauchen genau diese Unaufmerksamkeit, um existieren zu können; in der Aufmerksamkeit können sie nicht weiter bestehen. In der Achtsamkeit wird mit den alten Gewohnheiten gebrochen. Gute Motorradfahrer wissen das! Also muss ich mich fragen, was mich daran hindert, immer achtsam zu sein! Wahrzunehmen ohne zu urteilen und ohne zu bewerten und ohne etwas zu erdulden und zu ertragen. Ganz einfach. Ich muss es nur tun. Doch das kann ich erst, wenn ich etwas anderes lasse: Das Urteilen und Bewerten. Ein Teufelskreis? Nein, eher eine Frage der noch nicht wahrgenommenen Notwendigkeit.

Wie will mir aber jemand beibringen, dass das Spiel des Lebens ganz anders zu spielen ist, ohne diese Konvention, also ohne dass ich mir selber nicht permanent in die Tasche lüge, wenn ich mir das nicht vorstellen kann? Wie soll er das auch können? Wie eine Erdbeere schmeckt weiß ich erst, wenn ich eine gegessen habe. Aber Gott sei dank haben wir heute die modernen Wissenschaften, die uns klar zu machen suchen, dass die Welt ganz anders ist, als viele noch glauben. Doch es gibt einen weiteren Weg der Erkenntnis, nämlich etwas Neues zu tun.

Es ist nun einmal so, dass ich meinen Körper durch Übungen wesentlich schneller beeinflussen kann als meine Psyche. Das ist klar, da komme ich viel leichter ran. Und da beide eine Einheit sind, übe ich also auch meine Psyche, wenn ich meinen Körper übe. Das ist die Grundlage für die Feldenkrais-Methode: Bewusstheit durch Bewegung. Aber eben nur bezogen auf die Bewegung. Genauso erging es mir mit jedem Kilometer, den ich auf dem Motorrad gefahren bin: Meine Psyche änderte sich, ich baute mein Gehirn um, also die neuronale Matrix.

Und genau das ist der Schlüssel zu mir selbst: Tun. Doch vorher muss ich wissen, was ich in meinem Denken und wahrnehmen ändern will und in welchem konkretem Tun genau dies zum Ausdruck kommt. Will ich etwa Ordnung in meinem Denken, sorge ich für Ordnung in meinem gesamten Lebensumfeld. Ordnung, Klarheit, Korrektheit, Präzision bis hin zur recht verstandenen Perfektion – da will ich hin. Also organisiere ich mein Umfeld entsprechend, denn meine Psyche sieht mein Umfeld als zu meinem Körper gehörig an.

Dass ich mir etwas bewusst bin, bedeutet also nicht, dass ich auch zwingend darum wüsste. Zu wissen und nicht-zu-wissen verhalten sich wie meine ganze Existenz: Das Allerwenigste kann ich erklären. Obwohl, da taucht auch die Frage auf, ob „zu wissen“ bedeutet, dass ich es in Worte fassen kann. Also ich weiß, wie ich die Semmel verdauen kann, wobei ich nicht zwischen meinem Körper und mir unterscheide, die ich gerade gegessen habe, aber erzählen könnte ich es nicht.

Sehe ich also die Notwendigkeit, anders zu denken, suche ich einen Weg des Tuns, um genau das zu realisieren: Bewusstheit durch Tun.