Freund oder Feind?

Dabei ist die Frage die Frage! Ich versuche das mal zu erklären, vielleicht verstehe ich es dann selbst besser. Ich las gerade die Überschrift „Biber – Freund oder Feind“ in der Tageszeitung. Sozusagen parallel dazu hatte ich diesen Gedanken von Baozhi im Kopf, den ich kurz davor gelesen hatte: „Wenn du nicht verstehst, dass der Geist selbst Buddha ist, ist es, als würdest du auf der Suche nach einem Esel einen Esel reiten.“

„Unser“ Problem ist, dass wir in Freund-Feind-Kategorien denken, in gut-oder-böse, in richtig-oder-falsch. Und genau das ist wohl die Aufgabe, diese Art des Denkens zu überwinden. Bedeutet das jetzt, dass ich mich nicht mehr verteidigen darf, wenn mich jemand angreift? Nein, das bedeutet es sicher nicht, aber ich muss dem anderen nicht auch auf die Nase hauen, sondern ich kann ihm elegant aus dem Weg gehen.

Um mich nicht mehr angreifbar zu machen kann ich entweder von der Bildfläche verschwinden, oder aber ich stelle mich der Situation und praktiziere gedankliches Aikido. Nur hat das leider seinen Preis: Ich muss mein Ich (Ego) überwinden.

Das auf das eigene Selbst bezogene Denken abzustellen, ist leider nicht so einfach. Gedanken wie der von Baozhi „Wenn du nicht verstehst, dass der Geist selbst Buddha ist, ist es, als würdest du auf der Suche nach einem Esel einen Esel reiten.“ sind ja so herrlich einleuchtend, leicht zu verstehen, doch bei der Umsetzung hapert es dann meist gewaltig.

Was helfen könnte, wären psychedelische Substanzen, denn die führen vor allem bei hohen Dosen zu mystischen und spirituellen Erfahrungen. Sie sind durch Gefühle von Einssein mit der Welt, Verschwimmen von Objekt-Subjekt-Grenzen, Verlust eines Ich- und Zeitgefühls, Ehrfurcht und Glückseligkeit geprägt. Dabei hat sich besonders die Wirkung auf das Ich-Gefühl als therapeutisch hochwirksames Mittel bei der Bewältigung traumatischer oder belastender Erfahrungen erwiesen.

Klare Botschaft: Je weniger „Ich“ es in meinem Denken gibt, desto besser geht es mir. Nur wie bekomme ich das ohne psychedelischen Substanzen hin? Die sind ja im normalen Alltag nicht so wirklich gut. Andererseits weiß ich ja, dass auch traditionelle Formen von Meditation wie im Zen durchaus geeignet sind, die Grenzen des Ich vorübergehend aufzulösen und die Selbstbezogenheit zu verringern. Obwohl, „eigentlich“ würde ich meine Selbstbezogenheit gerne komplett in den Wind schießen. Wobei sofort die Frage aufkommt, ob so zu denken nicht schon wieder ein Ausdruck des eigentlichen „Problems“ ist. Aber egal. 

Die Neurowissenschaften haben ein Gehirnsystem identifiziert, das unter anderem dann aktiv wird, wenn eine Person tagträumt, grübelt, erinnert, Zukunftspläne schmiedet, über sich und andere nachdenkt – also reizunabhängig denkt. Das sogenannte Default Mode Network (DMN) ist mit einem Bildschirmschoner vergleichbar. Das Gehirn kreiert in Ruhephasen Vorstellungen und Geschichten über sich selbst (also ich über mich!!) und die Welt.

Das ist vergleichbar mit meinem Rechner. Je nachdem, was ich als Bildschirmschoner aktiviert habe, werde ich sozusagen gedanklich eingefärbt. Daher suche ich mir meinen Bildschirmschoner sehr bewusst aus. Einer Sache muss ich mir immer bewusst sein: Ich kann nicht bestimmen oder kontrollieren, wie mein Gehirn und worüber es gerade nachdenkt und welche Gedanken es sich macht. Aber ich kann den Raum gestalten, in dem es sich bewegt. Mit anderen Worten: Ich habe keinen Einfluss auf den Inhalt, aber auf die Form. Da bekanntlich Innen und Außen identisch sind und ich zumindest die Beeinflussung wahrnehme, auch wenn ich diese Identität noch nicht lebe (denke), achte ich auf die Gestaltung meines Umfeldes.

Liegt beispielsweise gerade das Buch „Empört Euch“ von Stephane Hessel in meinem Blickfeld auf dem Schreibtisch, dann denke ich anders über das nach, was mich gerade beschäftigt, als wenn ich ein Buch wie etwa „Das Aikido-Prinzip“ von Robert Pino dort liegen hätte. Genauso merke ich immer wieder, wie die Menschen um mich herum scheinbar meine Gedanken lenken. Was sie natürlich nicht tun, aber manchmal fällt es mir schwer, meine eigene Form nicht der Form der anderen anzugleichen. Der Mensch ist nun einmal ein Herdentier. In dem Fall leider. Also über ich mehr Katzendenke.

Richte ich meine Aufmerksamkeit ganz konkret aus, von der Raumgestaltung bis zu der Art, wie ich setze und atme, werden die Hintergrundaktivitäten des DMN heruntergefahren und das „Ich“ beginnt zu verblassen. Lösen sich die Grenzen des Ich auf, so wie im Flow, tritt die Erzählung über sich selbst in den Hintergrund oder verliert komplett an Bedeutung. Negative Vorstellungen hören auf zu existieren, um einer Erfahrung jenseits von Worten, Zeit oder einem Selbst-Gefühl Platz zu machen. 

Im Flow gibt es keine Freunde oder Feinde mehr, da frage ich mich auch nicht, was zu tun richtig wäre und was nicht, sondern ich mache, was sich hinterher als das mir mögliche Richtige herausstellt. Das ist einer der Gründe, weshalb ich mich bei problematischen Dingen möglichst nicht mit Inhalten, sondern mit der Form meines Denkens beschäftige, sondern wirklich konkret etwas tun kann. Nur darüber zu reden, ohne dabei mein eigenes Denken zu hinterfragen, das bringt mich aus dem FlowDenken, dem Denken durch NichtDenken raus, was ich aber zu verhindern suche.

Jedenfalls bin ich mir darüber im Klaren, dass ich mein Denken in Richtung komplexes Denken öffnen will. Das gelingt paradoxerweise gerade über klare Regeln; so wie die Zen-Meditation auch klare Regeln hat. Für mich halte ich es jedoch wichtiger, wie ich mich im Normalzustand, also im Alltäglichen verhalte und nicht, wie ich mich in einer Auszeit verhalte.