Form und Inhalt

Die Gedankenstruktur formt ohne wenn und aber den Inhalt. Und zwar immer. Habe ich das erkannt, stellt sich mir die Frage, wie ich meine Denkstrukturen ändern kann, wie ich also das Betriebssystem meiner Gedanken komplett neu booten, also alle im Gedanken-Cache gespeicherten Ansichten und Meinungen einmal komplett löschen kann. Also mein Denken komplett zurück auf Anfang.

Im Ch’an würde man wohl sagen, ich solle alles wegwerfen, was ich je in meinem Geist hochgehalten habe und noch hochhalte. Denn dann wären meine sechs Sinne von sich aus rein und nackt. Wie aber realisiere ich diese Haltung? Obwohl, eine Analogie wüsste ich ja, etwas, das ohne weitere Diskussion Eins ist und doch in sich differenziert: Mein Körper.

In ihm geschieht alles synchron und gleichzeitig; alles taucht gemeinsam auf. Aus Sicht der einzelnen Zellen gibt es keine unterschiedlichen Standpunkte, die zu diskutieren wären. Mein TCM Arzt, bei dem ich letzte Woche war, sagte mir, was ich gedanklich mache, nachdem er kurz seine Knöchel auf meine Zehen gelegt hatte. Das saß, denn es war eine exakte Beschreibung wie ich mich selbst wahrnahm.

Mein Denken und meine Zehen wie mein Blutkreislauf standen und stehen in einer synchronen Verbindung. Keine Trennung. Und das bedeutet, denke ich nicht der Wirklichkeit entsprechend, gerät das ganze System mehr oder weniger in Schieflage. Als ich noch als Jurist arbeitete, waren Heuschnupfen, Migräne und häufige Erkältungen meine ständigen Begleiter. Dabei waren das nichts anderes als die synchronen Auswirkungen nicht situationsgerechten Denkens.

C. G. Jung führte den Begriff „Synchronizität“ ein. Damit bezeichnete er zeitlich korrelierende Ereignisse, die über keine offensichtliche Kausalbeziehung verknüpft sind, also akausal sind, jedoch als miteinander verbunden und aufeinander bezogen wahrgenommen beziehungsweise gedeutet werden. Früher erlebte ich die Welt ganz anders. Da war alles fein säuberlich getrennt. So wie ich meinen Körper und mein Gehirn als getrennt wahrnahm, nahm ich auch mich selbst als getrennt wahr. Aus Sicht des getrennten Charakters besteht der Anschein, als gäbe es „andere“ getrennte Charaktere. Das war lange Zeit „meine“ Wirklichkeit. Doch tatsächlich ist sie anderes, was erst einmal extrem verwirrend ist, stellt es doch mein Weltbild komplett auf den Kopf.

Dabei habe um die vorletzte (!) Jahrhundertwende die Quantenphysiker genau dieses Phänomen bei ihrer Untersuchung der Materie festgestellt. Einstein umschrieb das so: „Ein Mensch ist Teil eines Ganzen, das wir Universum nennen, ein in Zeit und Raum begrenzter Teil. Er erfährt sich selbst, seine Gedanken, seine Gefühle als etwas vom Rest Getrenntes, eine Art optischer Täuschung des Bewusstseins.

Diese Täuschung ist eine Art Gefängnis für uns, sie beschränkt uns auf unsere persönlichen Wünsche und auf unsere Zuneigung gegenüber einigen wenigen, die uns am nächsten stehen. Unsere Aufgabe muss es sein, uns aus diesem Gefängnis zu befreien, indem wir unseren Kreis der Leidenschaften ausdehnen, bis er alle lebenden Wesen und das Ganze der Natur in all ihrer Schönheit umfasst.

Ich erwähne in diesem Zusammenhang gerne Albert Einstein, schließlich ist der ja des Mystizismus unverdächtig. Er sagt das selbe aus wie viele Mystiker: „In Wirklichkeit gibt es nichts als totale Synchronizität.“ Will ich das Spiel des Lebens erkennen, muss ich nicht auf den jeweiligen Charakter schauen, die wie in einem Film der eine da und der andere dort erscheint, sondern ich muss auf das Gesamtbild schauen, beide erscheinen ja in dem einen Bild. Daher ist die Frage, was ich tun muss, will ich die Dinge nicht mehr trennen. Ganz einfach, ich muss etwas lassen, nämlich über Dinge zu urteilen und sie zu bewerten, wenn es nicht meine höchst persönlichen Dinge sind, also mein Emotionen, Gedanken, Gefühle et cetera. In diesem Moment ist die Trennung weg.

Alles, was nicht meins ist, wird ganz einfach nicht beurteilt und nicht bewertet. Und wenn ich dann noch die Vorstellung eines aus sich selbst heraus existierenden „Ichs“ los werde, perfekt! Doch was passiert, wenn ich nicht mehr (be-) urteile? Denn das ist ein wichtige Frage, haben wir (jedenfalls ich) doch vielfach das Gefühl, damit die Kontrolle über unser Leben zu verlieren. Wir wissen dann einfach nicht, was passieren wird. Diese Unwissenheit über das „Was-Dann?“ verhindert sehr leicht, dass wir uns darauf einlassen. Das wiederum hat etwas mit Selbstvertrauen zu tun. Das nächste Thema.