Es ist an der Zeit

Wir dürfen die Augen nicht länger verschließen. Dabei ist allein dieser Gedanke schon in sich widersprüchlich, kann man den Grund dafür doch sehr verscheiden sehen. Entscheidend ist, was man wahrnimmt – oder wahrzunehmen glaubt. Etwas zu glauben bedeutet eben nicht, zu wissen was man wirklich sehen könnte.

Ich habe mich gestern kurz mit Ulrike Serak und Max Eriksson Ohlwein vom Aikido Dojo am Gleisdreieck in Berlin unterhalten. Mich trieb die Frage um, wie ein Aikidoka, also jemand, der Aikidō praktiziert, auf die aktuellen Konflikte in unserer Gesellschaft reagiert, also vor allem der Krieg in der Ukraine und die Corona-Pandemie. ‚Eigentlich‘ wusste ich die Antwort schon vorher, erhoffte mir wohl eine Antwort, die mein Problem lösen würde. Die aber gab es nicht.

Beide waren der Ansicht, dass es hinter oder unter der wahrnehmbaren Wirklichkeit eine tiefere, grundsätzlichere Wirklichkeit gibt, die sich einem erschließt, wenn man sich ernsthaft auf die philosophischen Gedanken des Aikidō einlässt. Die Schwierigkeit ist nur, dass man darüber viel schreiben kann, doch das hilft niemandem, wirklich zu erkennen und selbst zu erfahren, um was es tatsächlich geht.

Für mich gibt es drei Ebenen der Wirklichkeit: die relative, die explizit bewusste absolute und die implizit bewusste absolute Ebene. Die relative Ebene beschreibt, wie wir die Welt wahrnehmen und wie wir darüber reden, eben fragmentiert. Es ist die Ebene, die wohl die allermeisten Menschen für tatsächlich gegeben halten und gehen davon aus, dass die Welt eben so sei. Doch das ist sie nicht, wie wir mittlerweile wissenschaftlich dokumentiert wissen. Die Schwierigkeit ist nur, dass viele Menschen davon nicht loslassen können, weil diese Ebene eben dem entspricht, was wir wahrnehmen, sofern wir die Dinge nicht genau untersuchen.

Dann gibt es die absolute Ebene, die uns erst einmal explizit bewusst ist. Das kann ich zwar verstehen, muss es aber nicht in mein Denken integrieren. Dann sage ich vielleicht, dass die Welt eins ist, doch die entscheidende Frage ist, ob ich diese Einheit auch selbst erlebe – eine ganz andere Hausnummer. Es gibt viele Situationen, in denen ich mit den Dingen im Fluß sein kann und wo mein ‚Ich‘ sich aufgelöst hat. Doch beende ich die entsprechende Tätigkeit, ist erst einmal gleich wieder das ‚Ich‘, das ‚Ego‘ und die Selbstbezogenheit da.

Es sei denn, ich setzte mich bewusst damit auseinander und erkenne die dahinter liegende Wirklichkeit. Die entscheidende Frage aber bleibt, wie man anderen Menschen zu dieser Erfahrung verhelfen kann. Es ist, wie C. G. Jung es einmal gesagt hat: „Die eigene Dunkelheit zu kennen ist die beste Methode, um mit den Dunkelheit anderer Menschen umzugehen. Man wird nicht erleuchtet, indem man sich Lichtfiguren vorstellt, sondern indem man die Dunkelheit bewusst macht.“

Will jemand ernsthaft zur absoluten Wirklichkeit durchdringen, dann kann man demjenigen Wege aufzeigen, wie er dies erkennen kann. Doch das auch wirklich und ernsthaft in seinem eigenen Denken zu realisieren – diesen Weg geht jeder für sich selbst und ganz alleine, selbst, wenn er sich in einer Gruppe befindet. Die Gruppe kann mir das Denken und auch die (selbst-) Erkenntnis nicht abnehmen, das hat jeder selbst zu verantworten und das muss jedem selbst bewusst sein.

Ja, viele sind gegen den Krieg. Das eint uns, doch fragt man, wie genau das aussehen soll, dann sieht man schnell das Trennende. Werden die Antworten von der relativen Ebene aus gegeben, dann sind das ganz andere, als sie von der implizit absoluten Ebene aus gegeben würden. Das ist für viele die Schwierigkeit zu erkennen, ob sie sich auf der absoluten Ebene wähnen, tatsächlich aber nur auf der explizit absoluten Ebene bewegen.

Das bedeutet auch, dass ich mir nie sicher sein darf, ‚es‘ erreicht zu haben, ich muss mich wieder und wieder selbst in Frage stellen, nur so kann ich mir sicher sein, nicht auf mich selbst hereingefallen zu sein. Für mich ist dafür ein sicheres Zeichen erst einmal meine Wortwahl; denn auch über die absolute Ebene kann ich ganz nüchtern sprechen, ohne Emotionen oder Smileys bemühen zu müssen. Aber es ist nur ein Hinweis, sicher kann ich mir nur sein, wenn ich wirklich so bin, wie ich mir zu sein erhoffe.

Darüber hinaus kann ich auf jegliche Diskussion verzichten, aber mich nicht in Schweigen hüllen, sondern mich in einem ernsthaften Dialog auszutauschen. Was ja viele von sich selbst behaupten, aber oft nicht wirklich tun. Dabei wäre der Dialog die effektivste Art, um sich auf die absolute Ebene einzulassen. Ein Dialog ist unmittelbar körperlich erfahrbar, ganz anders als eine Diskussion oder ein Disput, in dem Emotionen im Vordergrund stehen.

Sind wir dazu bereit, müssen wir nur die Wirklichkeit zu untersuchen, um zu erkennen, was wirklich ist. Doch da genügt kein schneller Blick, manchmal dauert es, bis man all das sieht, was die Wirklichkeit ausmacht. Wir können sie ja nur dann sehen, wenn wir dazu auch bereit sind, bereit die Zusammenhänge zu erkennen.

Egal, ob wir etwa Aikidō, Ch’an oder den Dialog praktizieren, hinter all dem steht eine Philosophie, eine Sicht der Wirklichkeit, deren Gesetzmäßigkeiten man kennen und darüber Bescheid wissen sollte oder vielleicht auch muss, will man nicht an der Oberfläche haften bleiben. Es geht also um zwei Dinge, einmal das Wissen über die Gesetzmäßigkeiten und zum anderen um die Bereitschaft, sich ernsthaft darauf einzulassen, einzutauchen in die Wirklichkeit.

Was tatsächlich nicht so einfach ist, denn es verlangt das eigenen Ego, die eigene Selbstbezogenheit aufzugeben. Das muss einem bewusst sein, sonst wird man dazu wohl nicht bereit sein.