Erkennen, was wirklich ist

Es ist relativ einfach, die Wirklichkeit zu sehen. Man braucht nur zwischen Fakten und Wertungen zu unterscheiden und sie natürlich auch nicht zu verwechseln. Was leider sehr oft geschieht, vielfach werden Werturteile als Fakten angesehen. Man nennt das dann naturalistischen Fehlschluss. 

Hinzukommt, dass ein Gespräch über unterschiedliche Wertungen oder Ansichten schnell in Streit ausartet, wohingegen man sich über Fakten eigentlich nicht streiten kann, es sei denn, man nimmt nicht das Selbe wahr.

Als Jurist bin ich mir bewusst, dass man auch darüber weidlich streiten kann. Doch andererseits lässt sich das in der Regel relativ leicht klären. Wie etwa bei dem Versuch, bei dem eine Gruppe von Studenten einen Unfall kommentieren sollten. Es kamen sehr unterschiedliche Antworten zum Unfallhergang heraus, die jedoch alle eines gemeinsam hatten:

Sie waren alle nur ausgedacht, denn die Versuchsanordnung war so gewählt, dass keiner der Studenten den Unfall wirklich sehen konnte. Nur hinterher. Aber das lässt sich durch präzises Nachfragen leicht klären. Ansichten jedoch lassen sich selten klären, jedenfalls muss man da schon gute Argumente haben. Nur dazu muss der andere bereit sein, sich davon überzeugen zu lassen, dass er Unrecht hat.

Fakten kann man leicht klären, doch dazu muss man streng logisch denken. Wie etwa bei dieser Aufgabe, die ich auf Spektrum.de gefunden habe. Die Familie Fichtner hat drei Kinder: Die Zwillinge Marie und Mia und den jüngeren Bruder Jaro. Heute haben Marie und Mia Geburtstag. Für alle drei Kinder hat Herr Fichtner ein Päckchen gepackt.

Nur eine der drei folgenden Aussagen ist wahr.

        • Das blaue Päckchen ist für Jaro.
        • Das grüne Päckchen ist nicht für Jaro.
        • Das blaue Päckchen ist nicht für Jaro.

Welches der Päckchen ist für Jaro bestimmt? ‚Eigentlich‘ ist die Aufgabe einfach zu lösen – vorausgesetzt, man denkt streng logisch. Was erst einmal nicht so einfach ist, aber mit der Zeit kann man das immer besser und besser.

Also auch die Wirklichkeit muss man zu erkennen lernen! Wie sagt doch Nikola Hahn in Kriminalistische Denklehre? „Wenn man einen Tatbestand vorliegen hat, der verschiedene Deutungen zulässt, so scheide man diese Deutungen erst einmal in Möglichkeiten und Unmöglichkeiten. Dies bedingt an sich schon eine sehr scharfe und genaue Prüfung der allgemeinen und besonderen technischen Möglichkeiten. 

Ist dies geschehen, so scheidet man die Deutungen, die technisch unmöglich sind, aus. Die restlichen Möglichkeiten prüfe man auf ihre psychologische Möglichkeit, wobei es allerdings nötig ist, dass man sich in die Psyche des vermutlichen Täters hineinversetzen muss.

Es ist ein alter Fehler, der bei dieser Tätigkeit begangen wird, dass man sich fragt: “Wie hätte ich an Stelle des Täters gehandelt?”. Damit stellt man das geistige Niveau des Täters auf das eigene ein. Und dies ist falsch, denn wir wissen nie, ob nicht der Täter ein kriminelles Genie ist oder völlig verblödet.“