Erinnerungskultur

Ereignisse müssen richtig bewerten werden. Jedenfalls dann, wenn man die destruktiven Tendenzen beenden will. Es geht nicht darum, den Nationalsozialismus als einmaligen und nicht vergleichbaren Holocaust zu sehen und zu kommunizieren, sondern die Strukturen zu erkennen, die jeder Art von Totalitarismus zueignen sind. Das wirklich Erschreckende ist wahrscheinlich nur die Tatsache, dass das, was das Dritte Reich möglich gemacht hat, was immer das ist, jederzeit wieder möglich ist.

Als eine der Ersten deckte Hanna Arendt in ihrer Analyse der Nationalsozialisten die Wesenszüge des Totalitarismus auf, die sich nicht nur immer und überall wiederholen könnten, sondern in denen der Grund für viele Konflikte liegt. Es geht, wie so oft, nicht um eine System wie den NS-Staat, sondern die agierenden Menschen wie deren Denken. Es geht dabei nicht darum, was sie denken, sondern wie sie denken.

Es lässt sich sehr leicht deutlich machen. Hitler und Karl Brandt unterhielten sich über ein behindertes Kind. Sollte dieses Kind getötet werden, wie es der Vater (!!) wissen wollte? Sie kamen überein, dass Brandt dies untersuchen sollte. Er untersuchte das Kind, ob sein Leben lebenswert sei – und nicht etwa, ob es lebensfähig wäre. Es war ein Vertauschen von Wert und Fakten, ein naturalistischer Fehlschluss – und der Beginn der Aktion T4.

Es ist auffallend oder wohl eher erschreckend, wie die allermeisten Menschen darauf reagieren – nämlich gar nicht. Man kann nur spekulieren, weshalb das so ist. Eine Vermutung ist, dass naturalistische Fehlschlüsse ständig vorkommen. Hätte man die grundlegenden Aussagen Arendts in der Aufarbeitung des Nationalsozialismus nicht nur anerkannt, sondern wäre man davon ausgegangen, so hätte die Aufarbeitung dieses Kapitels deutscher Geschichte ganz anders aussehen müssen.

Dann hätte man wohl Denk-Strukturen gefunden, die auch heute noch ganz selbstverständlich sind, jedoch nicht sein sollten und auch nicht sein dürfen, wollen wir uns nicht ständig gegenseitig im Weg stehen. Nicht die Kollektivschuld der Deutschen dürfte hier im Fokus stehen, sondern die Aufdeckung der grundlegenden Strukturen, die nicht nur in den Totalitarismus führen, sondern ganz grundsätzlich Konflikte hervorrufen.

Eine Kollektivschuld zu propagieren hatte lediglich dazu geführt, die Deutschen der alliierten Nachkriegspolitik gefügig zu machen. Etwa in der Stationierung US-Amerikanischer Militärbasen (Ramstein), um im nahen Osten Krieg führen zu können.