Die Wissenschaft des Bösen

Seit Jahrzehnten beschäftigen sich Forscher mit dem Bösen. Dabei haben sie bereits viele wichtige Dinge herausgefunden. Aber bis heute hat noch niemand nur einen einzigen Faktor isolieren können, der das Böse definiert. Stattdessen müssen wir akzeptieren, dass Menschen, die böse Dinge tun, uns allen sehr ähnlich sind. Viel ähnlicher, als wir zugeben möchten. 

Es ist die Frage, ob wir ‚das Böse‘ verstehen oder nur sicher sein wollen, dass wir ‚anders‘ sind? Ich denke, es ist einfach, sich ‚anders‘ zu fühlen, denn ich erinnere mich an keinen Menschen, dem ich privat oder beruflich als Anwalt begegnet wäre, der für sich in Anspruch genommen hätte, Böses getan zu haben, auch wenn das ganz objektiv so war.

Und ich nehme mich damit keineswegs aus. Vieles, was ich tat, werden diejenigen, die meine Handlungen erdulden mussten als schlichtweg Böse bezeichnen – nur ich nicht. Für mich war das, was ich tat, immer irgendwie gerechtfertigt, immer gab es ein höheres Prinzip, das meine Taten gerechtfertigt erscheinen ließen.

Ist es die Erfahrung in der Kindheit, die viele als Grund dafür ansehen, dass Menschen Böses tun, eine Störung der Bindungen, die im Kindesalter entwickelt gehören? Ich glaube nicht an diesen Mechanismus, ich kenne viele Geschwisterpaare, die sich bei identischen Eltern und der selben Kultur in der Kinderzeit gleichwohl vollkommen entgegengesetzt entwickelt haben.

Nun will ich nicht bestreiten, dass Genbiologie wie Epigenetik einen maßgeblichen Einfluss auf unsere Entwicklung haben. Und diesem Einfluss sind wir auch ganz offensichtlich ausgeliefert, solange wir nicht erkennen, wo das ursprüngliche Problem angesiedelt ist. Kann es sein, dass alle die Herangehensweisen, wie sie die Psychologie lehrt, zwar die Ursachen abzumildern in der Lage sind, nicht aber das eigentliche Problem aufzulösen? Und dass dieses Problem sich mit der Zeit immer weiter entwickelt?

Während die Aufgabe der Psychologie bei Freud darin liegt, unbewusste Ich-Anteile in das Ich zu integrieren, um auf diese Weise (bereits aufgetretene) Konflikte aufzulösen, erkennt Krishnamurti bereits in der Annahme der Existenz eines Ichs das eigentliche Problem: Nicht eine Ich-Stabilisierung wird bei Krishnamurti angestrebt, sondern dessen Auflösung.  Was offensichtlich nicht so einfach ist, sondern hohe Konsequenz im eigenen Verhalten voraussetzt.

Das Ich, Selbst oder auch Ego (Krishnamurti unterscheidet hier nicht) ist für Krishnamurti die Ursache aller Konflikte. Das Ich, erklärt er, ist ein Produkt, eine bloße Struktur des Denkens: „In sich selbst hat es keine Realität.“ Und das ist auch unbestreitbar wie nachweislich so. Jeder kann das selbst erfahren. Sobald wir uns nämlich in einem Zustand des Flow befinden, ist da definitiv kein wie auch immer geartetes ‚Ich‘ mehr. Warum? Ganz einfach, weil sich im Flow die Struktur des Denkens komplett ändert; im Flow denken wir aus NichtDenken.

Will ich also ‚das Böse‘ in mir selbst zum Schweigen bringen, muss ich zum einen die Erfahrung des Flow Erlebnisses machen und das dann zum anderen in mein ‚normales‘ Leben integrieren. Doch das ist nicht alles, es benötigt mehr als Denken durch NichtDenken. Die drei Begriffe dafür habe ich mir aus dem Kampfsport entliehen:

    • Isshin: Bedeutet ein Herz, Geist.  Beschreibt die Verbindung mit dem Gegenüber, das Abschätzen und die Vorbereitung auf die kommende Herausforderung und eventuelle Konfrontation.
    • Mushin: Die eigentliche Handlungssituation. Kein „Denken“ in diesem Zustand!
    • Zanshin: Ein Zustand der fortwährenden Achtsamkeit und Konzentration, nach der ursprünglichen Situation. Ist es tatsächlich vorüber? Gibt es noch weitere Herausforderungen?

Das ist es, was es zu realisieren gilt: Das Wissen über komplexe Systeme, das Wissen um die Notwendigkeit der Aufgabe des ‚Ich’, das Wissen über Flow, Selbstorganisation und Denken durch NichtDenken sowie das Bewusstsein für die Zusammenhänge des Lebens.