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Die Welt, in der ich lebe II.

Auch wenn die Welt ganz selbstverständlich und vor allem unabhängig von meinem Wollen und meinen Ansichten existiert, ist es doch nicht unbedingt die Welt, in der ich lebe. Daher nehme ich mir die Freiheit, in der Welt zu leben, in der ich leben will. Und das ist die Welt, wie sie tatsächlich ist und nicht die Welt, wie ich denke, dass sie wäre.

Die Welt, wie sie wirklich ist, habe ich immer nur wie durch einen Schleier wahrgenommen. Es hat eine Weile gedauert, bis ich begriffen hatte, wirklich begriffen hatte, dass dieser Schleier nichts anderes als meine Gedanken und Annahmen war, meine Wünsche und Absichten, meine Vorlieben und Abneigungen. 

Ich habe für mich einen Namen für diesen Schleier gefunden: Die Konvention. Ein konventionelles Leben zu führen heißt ja auf gewisse Weise, mich selbst zu verleugnen. Und um das selbst ertragen zu können, habe ich mir jede Menge Gedanken, Annahmen, Absichten und Wünsche ausgedacht. Damit habe ich erreicht, was ich erreichen wollte, nämlich in einer kranken Gesellschaft leben zu können und dabei so zu tun, als sei diese Gesellschaft gesund, damit ich mich darin „frei“ bewegen konnte. Was für ein Unsinn! Was für eine Idiotie!

Das Leben in und mit der Konvention bedeutet natürlich nicht, dass ich nicht in der Welt leben würde, wie sie wirklich ist. Das ist definitiv nicht der Fall. Nur meine Entscheidungen hatten immer ein Geschmäckle, wie man im Schwäbischen sagen würde. Es war nicht falsch, aber auch nicht richtig. Irgend etwas dazwischen. Doch dabei blieb vieles auf der Strecke, was mich meine ursprüngliche Authentizität nicht kostete, sondern die ich dafür aufgab.

Doch wie konnte ich mir die zurückholen? Ich versuchte es mit den verschiedensten philosophischen Ansätzen. Doch das waren letztlich auch wieder nur Masken, mindestens zu einem wesentlichen Teil. Auch wenn darin viel Stimmiges steckte, steckte auch viel Maskenhaftes darin. Es war zum einen die Beschäftigung mit den fundamentalen Fragen der Quantenmechanik und zum anderen die Erfahrung des Motorradfahrens, was mich – für mich – auf den richtigen Weg brachte.

Motorrad zu fahren ließ mich die Welt und natürlich mich selbst erfahren, wie sie und ich selbst wirklich sind. Unmittelbar, direkt, ehrlich, unverblümt. Und da wurde mir zum einen klar, was für ein Leben ich bisher geführt hatte, was mein Problem war und teilweise auch noch ist, und mir wurde vor allem klar, dass es auch anders geht. Keine Konvention, aber auch keine metaphysische Schwärmerei, die oft so gerne Fakten ignoriert. Wenn ich keine Ahnung von dem Kammschen Kreis habe, werde ich eben nicht sonderlich gut Motorrad fahren lernen können. Reduziere ich jedoch mein Motorradverständnis auf dieses technische Wissen, dann leider auch nicht.

Will ich wirklich leben, dann muss ich eben auch wissen, wie etwa Selbstorganisation „funktioniert“ und aufhören, alles unter Kontrolle haben zu wollen. Das muss ich, denn ich muss die Kontrolle „verlernen“. Ich habe mir so viele Dinge angeeignet, bei denen mir so allmählich bewusst wird, dass sie sich wunderbar dafür eignen, mich selbst zu blockieren. Gerade das Motorradfahren hat mir deutlich gemacht, dass Wissen über Wirkzusammenhänge absolut wesentlich ist, aber eben noch lange nicht alles ist. Wissen, dem meine natürlichen Fähigkeiten nicht zur Seite stehen, ist immer nur ein Sturm im Wasserglas.

Um das zu können, also Motorrad zu fahren, musste ich aus der Konvention raus, denn die behindert definitiv das freie Wirken meiner natürlichen Fähigkeiten. Letztlich verhindert die Konvention meine Fähigkeiten auch komplett. Ich stellte also fest, dass es neben dem konventionellen auch noch einen davon völlig freien Lebensraum gibt, wir nennen es den Flow. Meine Aufgabe war und ist es jetzt, mein ursprüngliches Verhalten und damit meine Fähigkeiten auch in meinem Alltag einsetzen zu können. Das bedeutet für mich erst einmal, mich zu reduzieren und mich von all den Dingen zu lösen, die mir die Konvention erträglich machen sollten.

Schließlich will ich ja ohne Konvention leben. Dass ich dafür eine Ethik brauche ist klar, will ich nicht wie ein Bulldozer durch die Gesellschaft rumpeln. Ethik hat, anders als Moral, absolut nichts mit Konvention zu tun. Doch das ist ein anderes Thema, das ich noch einmal genauer betrachten will. Wie dem auch sei, ich nehme mir die Freiheit anders zu leben als andere es tun. Ich halte mich nicht an gesellschaftliche Gepflogenheiten, sofern ich sie nicht auch für mich als stimmig ansehe, doch ich bekämpfe sie nicht und gehe nicht dagegen vor, sondern gehe ihnen aus dem Weg, ich umgehe sie ganz einfach.

Dazu brauche ich eine ganz andere Lebensqualität und Lebenseinstellung, als ich sie früher hatte. Mich nicht verbiegen zu lassen bedeutete für mich früher einen schnurgeraden Weg zu gehen, heute bedeutet es für mich, ein Hindernis wie Wasser zu umgehen und zu überwinden, dabei gleichwohl immer meinen eigenen Weg verfolgend. Es ist die eine Welt, in der wir leben, doch wir leben sie auf vielfältigste Art und Weise.

Welche ich davon wähle, das ist meine Entscheidung, meine Freiheit. Doch das bedeutet ganz klar, meinen eigenen Weg zu finden und zu gehen und alle gedanklichen Konzepte loszulassen.

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