Die verlorene Moral

Viele Menschen beklagen sich über den Verlust moralischer Grundsätze. Sie vermissen oft Freundlichkeit, Höflichkeit und einen respektvollen Umgang miteinander, Dass dieser Wunsch berechtigt ist, ist keine Frage.

Doch ist die Moral überhaupt verloren gegangen? War sie jemals wirklich da? In den Köpfen der Einzelnen? Ich habe kürzlich eine neuere Untersuchung über den Marshmallow-Test gelesen. In diesem Test wurde der kulturelle Hintergrund der Kinder mit einbezogen und es wurde festgestellt, dass der eine wesentliche Rolle spielt.

Ich denke, bei Fragen der Moral ist es nicht anders. ‚Moral’ ist letztlich eine gesellschaftliche, kulturelle Angelegenheit – und nichts Persönliches, anders als Werte. Aus genau diesem Grund halte ich nicht viel von Moral. Die Moral, die mir meine Eltern vermittelt haben, war –  vordergründig betrachtet – wohl ziemlich ambitioniert, von hohem Anspruch. Doch dahinter verbarg sich, wie ich heute weiß, ein abgründiger Sumpf.

Es ist ja eine beliebte Vorstellung, dass allein die Führungselite für die Gräuel des Dritten Reiches verantwortlich gewesen sein soll und die Menschen selbst keine Verantwortung für das trugen, was sie angerichtet haben. So wie auch heute noch vielfach gedacht wird, wenn der Chef es befiehlt, wird es gemacht

Aber so einfach ist es nicht. Ich sage immer, Guantanamo gäbe es schon lange nicht mehr, wenn nicht die amerikanische Bevölkerung es wollte. So hätte es auch kein Drittes Reich gegeben, hätte es die Bevölkerung nicht gewollt. Und ohne den Egoismus sehr, sehr vieler wäre die Wirtschaft schon lange eine andere.

Das heißt für mich, was wir aktuell an „Moral“ erleben, ist nichts anderes als ein Spiegel dessen, wie die Gesellschaft denkt. Daher ist die Frage, was es bräuchte, damit anders gedacht werden könnte. Wie gesagt, ‚könnte‘, nicht ‚würde‘!  Einstein hat es so formuliert:

»Ein Mensch ist Teil eines Ganzen, das wir Universum nennen, ein in Zeit und Raum begrenzter Teil. Er erfährt sich selbst, seine Gedanken, seine Gefühle als etwas vom Rest Getrenntes, eine Art optischer Täuschung des Bewusstseins,

Diese Täuschung ist eine Art Gefängnis für uns, sie beschränkt uns auf unsere persönlichen Wünsche und auf unsere Zuneigung gegenüber einigen wenigen, die uns am nächsten stehen.

Unsere Aufgabe muss es sein, uns aus diesem Gefängnis zu befreien, indem wir unseren Kreis der Leidenschaften ausdehnen, bis er alle lebenden Wesen und das Ganze der Natur in all ihrer Schönheit umfasst.« 

Ich denke, wenn sich die Menschen in der Gesellschaft dieser Erkenntnis der Wissenschaft bewusst wären, wirklich bewusst, würden sie sofort anders handeln. Da bräuchte es keine Moral mehr, denn dann wäre jedem klar, dass er das, was er einem anderen antut, sich selbst antut.

Doch das ist kein Grund, mit erhobenen Zeigefinger die Menschen belehren zu wollen, sondern zu verstehen, weshalb sie tun, was sie tun, jedoch ohne einverstanden zu sein. Es geht darum, den Menschen zu verstehen, ohne einverstanden zu sein. Allein das ändert etwas; jedenfalls ist das meine Überzeugung,