Die Sache mit der Schuld

Als Jugendlicher und auch als Erwachsener war ich strikt gegen alles, was auch nur andeutungsweise nach Nationalsozialismus aussah. Was mich aber wahrscheinlich nicht davon abhielt, die selben elitären Verhaltensweisen wie meine Eltern zu haben. Es entschuldigt nur nicht, dass ich mir dessen nicht bewusst war.

Ich war so um die 40, als ich eine Familienaufstellung machte und da das erste Mal damit konfrontiert wurde, dass in meiner Herkunftsfamilie „etwas“ nicht stimmte. Wobei ich das schon längst hätte merken können, wollte ich doch noch nie mit meiner Familie etwas zu tun haben, machte immer einen großen Bogen um sie herum, ging ihr aus dem Weg und versuchte, wo es ging, nicht so zu leben wie sie.

Was da nicht stimmen konnte, war mir relativ schnell klar (es lag ja irgendwie auf der Hand), es war das sogenannte „Dritte Reich“. Was hatten meine Eltern damit zu tun? Heraus bekam ich eigentlich nichts, nur Vermutungen. Die Hinweise meiner Mutter (mein Vater schwieg immer) waren wenig hilfreich – und auch schlicht irreführend. Sie war schon clever, wären die einfach falsch gewesen, wäre ich wahrscheinlich viel schneller drauf gekommen, wie es wirklich war.

Es hat dann eine Karotisstenose „gebraucht“ und eine weitere Aufstellung, bis ich mich endlich wirklich auf die Suche machte. Und ich wurde auch fündig. Mein Glück war, dass mein Vater so weit vorne mit dabei war, dass es ausreichend Hinweise gab, die mich dann weiterbrachten. Schon fast pervers, hier von Glück zu reden. Aber das brachte endlich Licht in die Angelegenheit.

Doch was mir erst einmal als das Ende der Geschichte erschien war es nicht, es war erst der Anfang der eigentlichen Geschichte, die ich zu begreifen hatte. 2021 war ich zu einem Workshop von Täter-Angehörigen in Neuengamme und gleich danach bei einem Treffen von Opfer- und Täter-Angehörigen. Es machte mir klar, dass ich mich darum zu kümmern hatte, wie mein Vater gedacht haben musste, dass er solche Taten begehen konnte – wollte ich nicht Gefahr laufen, irgendwann das Selbe zu tun.

Als ich das (für mich) einigermaßen geklärt hatte wurde mir bewusst, dass ich etwas bisher noch vermieden hatte: Die Begegnung mit Opferangehörigen. Ich hatte dabei großes Glück, auf Peter Pogany-Wnendt zu treffen, der mir wirklich weiterhalf, einfach in dem er mir das Gefühl nahm, als Sohn eines NS-Täters ein Monster zu sein, einfach weil er es nicht dachte. Er nahm mich ernst und ich konnte mich ihm öffnen, konnte mit ihm reden. Es war eine Begegnung auf intellektueller und auf emotionaler Ebene.

Das brachte mich zu meinen (bisher) letzten Schritten: EOb ich meinem Vater Mitgefühl entgegen bringen kann und es dann auch zu tun, denn auch er war ein Mensch und hat schwere Schuld auf sich geladen. Doch darin steckte noch etwas anderes, nämlich das Thema Schuld und Verantwortlichkeit – für mich selbst. Damit will ich mich hier auseinandersetzen.

Schuld trägt fraglos mein Vater, daran gibt es nichts zu deuteln. Aber ich bin in einer anderen Situation, denn ich habe keine Schuld auf mich geladen, auch keine kollektive Schuld, von der so oft die Rede ist. Auch hier geht es um etwas anderes. Steht der Begriff „Schuld“ im Raum, ist der Blick nach hinten gerichtet, nicht nach vorne. Die Folge: Alles bleibt, wie es war, nichts ändert sich wirklich. Solange ich mich, ob bewusst oder unbewusst, schuldig gefühlt habe, blieb ich passiv.

Doch bin ich allein deswegen schon „frei“, weil ich keine Schuld an dem trage, was in der Zeit 33 – 45 geschah? Ich weiß, dass ich dafür nicht verantwortlich bin, gleichwohl lastet etwas auf mir, nimmt mir die Leichtigkeit. Ich will – wie ich unlängst geschrieben habe – mein Leben zurück. Nur muss ich mir das selbst zurückgeben, niemand sonst kann das tun. Das ist mir klar, auch wenn es mir erst einmal nicht einfach zu sein scheint.

Das Ziel ist mir absolut klar, und das heißt die Verantwortung für das zu übernehmen, was ich tue, gerade auch mit dieser Familiengeschichte im Gepäck. Das betrifft auch die Nation, den Staat. Nur geht es hier vielleicht nicht um Schuld, sondern um unsere Verantwortlichkeit heute. Aber das ist ein anderes Thema. Ich dachte lange, ich müsste Verantwortung dafür übernehmen, dass so etwas wie in der Zeit des Nationalsozialismus nie wieder geschieht, was mir aber nicht möglich ist, nicht in dieser Absolutheit.

Was mir aber möglich ist, dass ist aus unserer Familiengeschichte zu lernen, zu lernen, wie ich falsche Denkstrukturen aus meinem Kopf bekomme. Ich kann also lernen, nicht auf naturalistische Fehlschlüsse hereinzufallen, und auch nicht mit dem Mainstream mitzuschwimmen, sondern eigenständig zu denken. Ganz einfach so zu denken, wie es den Gesetzmäßigkeiten entspricht. Was aber nicht so einfach ist, sondern Beharrlichkeit und Konsequenz voraussetzt und auch den Mut, gegen Populismus zu sprechen statt einfach still zu sein – und das auch wo möglich weiterzugeben.

Auch ich sehne mich nach Freiheit. Das aber bedeutet für mich bereit zu sein, für die Konsequenzen meines Handelns ohne wenn und aber einzustehen. Meine Freiheit endet da, wo ich das Freiheitsrecht eines anderen tangiere. Es gibt keine Freiheit ohne Verantwortung. Andererseits: Verantwortung ist Freiheit! Wenn ich bereit bin, die Konsequenzen zu tragen, bin ich frei zu tun, was ich will. Und genau hier liegt die Schuld meines Vaters. Er hat die Konsequenzen seines Handelns nicht wahrgenommen.

Das aber entschuldigt sein Handeln nicht, so wenig wie es mein Handeln entschuldigt, wenn ich eine Konsequenz meines Handelns nicht sehe. Will Smith hat dazu einen interessanten Gedanken: „Zum Beispiel ist es nicht die Schuld von irgendjemandem, wenn sein Vater ein missbräuchlicher Alkoholiker ist. Aber es ist verdammt noch mal ganz sicher seine Verantwortung, herauszufinden, wie er mit diesen traumatischen Erlebnissen umgehen und daraus ein richtiges Leben machen kann.

Und genau das ist meine Verantwortung, herauszufinden, wie ich mit diesen traumatischen Familiengeschichte umgehe und wie ich daraus ein richtiges Leben machen kann.