Die Illusion des „Ich“

Letztlich der Feind in mir selbst.

Weshalb haben wir manchmal das Gefühl etwas zu verlieren, bis hin zu Panikattacken, selbst wenn wir das, was wir zu verlieren glauben, tatsächlich nie hatten? Ich spreche hier von Kontrolle.

Es ist dieses imaginäre „Ich“, das Ego, das diesen Kontrollverlust zu erleiden glaubt. Doch das „Ich“ oder Ego ist nichts anderes als eine Illusion, eine Einbildung.

Nur warum erliegen wir dieser Illusion?

Ist es eine Erscheinung, ähnlich einem Regenbogen, den es ja auch nicht gibt? So wie wir einen Regenbogen sehen, sehen auch andere uns. Für die anderen existieren wir, aber nicht für uns selbst.

Wenn wir das nicht erkennen, entsteht das „Ich“ wie ein Geist aus dem Nichts. Wir „existieren“ nur für den, der uns wahrnimmt, aber nicht für uns selbst. Denn „mich“ gibt es nicht.

Der andere erlebt mich statisch, er sieht den Prozess nicht – wie bei dem Regenbogen. Doch wenn ich mich selbst nicht mehr als Prozess verstehe, sondern als ein Selbst, ein „Ich“, mache ich mich mental zu etwas scheinbar Statischem und raube mir damit meine mentale Beweglichkeit.

Das passiert, wenn ich die Welt um mich herum „managen“, sie in eine bestimmte Richtung bewegen will, dann verliere ich meine eigene Beweglichkeit.

Ich und der andere sind ein dynamisches Miteinander, ein Prozess, den – wie den Regenbogen – nur ein Dritter wahrnehmen kann, der nicht in den Prozess eingebunden ist; die „Beteiligten“ jedoch werden starr, wenn sie sich selbst wahrnehmen wollen, also eine Vorstellung davon haben, „wie sie sein wollen oder das Ganze sein soll“.

Wenn einer das will, braucht er Kontrolle und dreht am Rad, wer merkt, dass er die nicht hat. Das bedeutet jedoch nicht, dass ich planlos durch die Welt treiben würde, wenn ich keine Kontrolle mehr ausüben will.

Ich brauche nur keine Vorstellung von mir selbst (mehr) zu haben – und den Prozess, der ich ja bin, nicht durch meine Vorstellungen zu behindern, wie es sein sollte. Ich brauche mich nur dem inneren Prozess zu überlassen, ohne einzugreifen.

Der Witz ist, dass sich dieser Prozess perfekt selbst kontrolliert – wenn ich mich nicht einmischen. Das ist die Herausforderung, da ich mir meiner Absichten in der Regel nicht bewusst bin. Aber ich kann sie sehr wohl empfinden.

Nicht nur in der Musik der 68Jahre finde ich den Soundtrack der„eigenen Sehnsucht nach der Welt“ wieder, sondern vor allem auch in den Gedanken mancher Philosophen. Peter Märthesheimer, der Drehbuchautor von Fassbinders „Die Ehe der Maria Braun“, hat es  in Bezug auf Adorno perfekt ausgedrückt „Mit Adorno war’s wie in der Oper: Ich verstand nichts, konnte aber alles mitsingen.

Ich verstand auch vieles nicht, wusste aber instinktiv, dass es stimmte – weil ich die Stimmigkeit empfand. Wie gesagt, empfinden, nicht fühlen! Meine Gefühle haben ihren Ursprung nicht in Empfindungen, sie kommen meist aus Erinnerungen genauso wie aus Vorstellungen. Was oft nicht bedacht wird, ist, dass Gefühle – anders als Empfindungen – ihren Ursprung nicht in der Situation haben, sondern im Gedachten.

Und genau da hat die Kontrolle ihren Sitz. Ganz anders als der Prozess, der folgt den Empfindungen. Also geht es darum, das Nachdenken zum Schweigen zu bringen. Ich brauche mich nur zu fragen, ob ich durch Nachdenken denke oder durch NichtDenken.

In diesem Moment gebe ich die Kontrolle an die Selbstorganisation ab. Darin liegt das Geheimnis der Selbstorganisation: Sie organisiert sich selbst, ohne dieses ominöse „Ich“ oder Ego.