Die Gesellschaft, wie sie wirklich ist

Wenn alles ganz anderes ist als angenommen. Als ich diesen Text zu schreiben begann, war noch ein Impuls in mir, der das als Frage formulieren wollte, etwa so: „Was, wenn alles ganz anders ist?“ Doch wir wissen, dass es ganz anders ist, als viele noch denken. Also ist es Quatsch, das als Frage zu formulieren, vielmehr lenkt das von der eigentlichen Frage ab, weshalb so viele noch immer glauben, dass es ganz anders ist.

Nikolaus Gerdes erkannte in seiner Arbeit mit Krebspatienten, also Menschen in einer existenzgefährdender Situation, dass es eine grundlegende „Belastungsquelle“ gibt, wodurch viele Einzelbelastungen auf einen gemeinsamen Ursprung zurückzuführen sind. Er zeigt, dass dieses „Ursprungsproblem“ die „Nicht‐Betroffenen“ in genau der gleichen Weise wie die „Betroffenen“ betrifft, der Unterschied ist nur, dass ihm die Betroffenen weniger leicht ausweichen können.

Es geht also um die Wirklichkeit jenseits der Konvention und des (vermeintlich) Normalen, der man in bestimmten Situationen nicht mehr ausweichen kann, vor allem dann nicht, wenn sich etwas ereignet, was die eigene Situation – zumindest für den Moment – in Frage stellt.

In dem Buch von Berger und Luhmann, auf das sich Gerdes bezieht, geht es nicht um „Die Konstruktion der gesellschaftlichen Wirklichkeit“; der Titel heißt vielmehr: „Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit“. Das heißt, dass nach ihrer Ansicht unsere gesamte Sicht der Wirklichkeit ‐ all das, was wir alltäglicherweise in ganz unbefangener Selbstverständlichkeit als objektive Wirklichkeit der Welt, der anderen Menschen und des eigenen Selbst wahrnehmen ‐, eine gesellschaftliche Konstruktion ist und nicht etwa eine Naturtatsache. 

Liest man den Text, dann wird einem schnell klar, dass das Thema nicht nur Krebspatienten betrifft, sondern wirklich jeden. Es ist die Frage, durch welche Prozesse sich für die Mitglieder von Gesellschaften eine intersubjektiv geteilte, gemeinsame Wirklichkeit herausbildet. Wie werden die Formen der Vermittlung zwischen der objektiven Wirklichkeit der Gesellschaft, die durch soziale Interaktionen hervorgebracht, institutionell verstetigt und in vielfältiger Weise tradiert wird und wie sind die subjektiven Bildungsprozesse der beteiligten Individuen zu verstehen.

Ich will hier nicht die Gedanken von Berger und Luhmann darlegen oder kommentieren, mir genügt es zu wissen, dass ich eben in einer gesellschaftlich konstruierten Wirklichkeit lebe – und nicht in der Wirklichkeit als solcher. Und da ich ein Mitglied der Gesellschaft bin, bin ich an der Konstruktion der gesellschaftlichen Wirklichkeit beteiligt – ob mir das bewusst ist oder nicht. Genau darum geht es. Ich gestalte wie alle anderen die Gesellschaft, in der ich lebe. Das ist meine Verantwortung! Es geht natürlich darum, dass es mir gut geht, genauso wie es darum geht, dass es allen gutgeht.

Ich bin selbstredend nicht für die Gewalt verantwortlich, die andere begehen, doch ich bin fraglos für die Auswirkungen meines Tuns verantwortlich. Ich kann andere Menschen nicht verändern, aber ich kann sie mehr oder weniger durch mein Vorbild beeinflussen. Beeinflussen tue ich andere sowieso, ob bewusst oder nicht bewusst, daher will ich bewusst stimmige Zeichen setzen, indem ich mich stimmig verhalte. 

Ich kenne den Text „Der Sturz aus der normalen Wirklichkeit und die Suche nach Sinn“ von Nikolas Gerdes schon lange, doch er kommt erst jetzt so langsam wirklich bei mir an. Es hat lange gedauert, bis sich mein Gehirn endlich umorganisiert hat. Nicht, dass ich die Gedanken von Gerdes nicht als richtig angesehen hätte, nur das war erst einmal „nur“ explizites und noch kein implizites Wissen.

Mein Gehirn besteht ja aus einer unvorstellbar großen Menge an Synapsen. Im Gehirn eines Erwachsenen wird die Zahl auf 100 Billionen (1014 !!!) geschätzt. Und es dauert eben, bis alle betroffenen Synapsen umgebaut sind. Das ist so, als hätte ich ein Haus aus Legosteinen gebaut und plötzlich gemerkt, dass ich die Türen viel zu hoch eingebaut habe, so dass man also gar nicht in das Haus kommen konnte. Also einen neuen Plan erstellen und dann alles neu aufbauen.

Leider geht das für mein Gehirn nicht bewusst, sondern nur still und leise, so dass es scheinbar keiner merkt. Doch eben nur scheinbar, denn jeder merkt es an meiner Haltung. Daran kann ich selbst es auch merken, an meiner Haltung wie an meiner Sprache.