Die Fahne bleibt

Weshalb ist ein Kulturwandel oft so schwer? Gerade habe ich dies in einem Post gelesen: „Die Struktur meines Denkens zu ändern ist mir inzwischen tiefstes, innigstes Bedürfnis. Denn so wie es war soll es nicht weitergehen in mir.“ Ein Satz, den ich vorbehaltlos unterschreibe. Doch weshalb fällt es mir so schwer, die Struktur meines Denken zu ändern?

Die Antwort findet sich witzigerweise in einem argentinischen Fussballlied: „Die Fahne bleibt!“ Darin wird ein immer wieder zu beobachtendes Phänomen beschrieben – nicht nur im Fussball: „Die Spieler kommen und gehen, die Trainer kommen und gehen, doch eines bleibt, die Fahne bleibt“. So heißt es, frei übersetzt, in dem Lied.

Damit lässt sich beispielsweise erklären, warum manche Mannschaften britisch spielen, obwohl bisweilen kein einziger Engländer auf dem Platz steht und nicht einmal der aus dem Mutterland des Fußballs stammt. Oder warum es bei manchen Clubs trotz scheinbarer Potenz nicht für einen der vorderen Plätze reicht, andere hingegen dem Platz 1 regelrecht gebucht haben.

Anders als das vermeintliche Pendant der deutschen Schlachtenbummler – „Wir sind Schalker (Kölner, Berliner…), und Ihr nicht!“ – soll das argentinische Lied nicht etwa den Missmut der Anhänger mit den Leistungen der Spieler ausdrücken, sondern dass ein Club aus viel mehr als nur den kurzfristig Angestellten des Vereins besteht. Aus dem direkten Umfeld, der Stadt, der Tradition, den Kapazitäten und eben nicht zuletzt den Anhängern.

Sozialwissenschaftler würden die Strukturalisierungsthese heranziehen, wonach die Struktur wechselseitig das Individuum beeinflusst. Einfacher ausgedrückt gilt auch für jeden Fußballverein das Bonmot, wonach das Ganze mehr ist als die Summe seiner Einzelteile. Es kommt noch etwas hinzu, was schwer greifbar, aber doch vorhanden ist: die Philosophie des Vereins.

Das ist nicht nur beim Fussball so. Ich habe kürzlich in einem Hotel übernachtet, das für mein Verständnis perfekt gestaltet und eingerichtet war. Als ich mit dem Besitzer ins Gespräch kam und er erzählte, wie das Hotel aussah, bevor er es übernommen hatte, fragte ich ihn nach der dahinterstehenden Philosophie.

Die Antwort war bezeichnend: Keine. Er konnte es mir einfach nicht sagen. Aber er hat ganz eindeutig eine Philosophie, die in dem Hotel regelrecht zu greifen und zu erleben war. Diese verinnerlichte Philosophie macht ihn und damit auch das Hotel aus. Das ist nicht nur bei ihm so, das ist bei jedem so.

Es ist nicht unser Wesen, das uns ausmacht, wie so viele glauben oder hoffen, sondern die Philosophie, die wir leben. Neugeborene sind sich alle sehr, sehr ähnlich. Bei einem Fünfjährigen ist dann schon die erlernte und übernommene Philosophie erlebbar, aber nicht immer leicht zu definieren.

Wie gesagt, das ist bei jedem so. Heißt, es ist änderbar. Ich ändere mein Denken dann, wenn ich wirklich weiß, wie Denken an sich funktioniert und ich eine stimmige Philosophie habe.

Dann bleibt die Fahne nicht länger.