Der Sinn des Lebens

Das ist die Evolution, nichts anderes. Jedenfalls kann ich mit meiner reduzierten Sicht auf die Welt keinen darin liegenden Sinn erkennen. Könnte ich es, würde ich mich auf eine Stufe mit Gott stellen.

Auch ich stecke also in einem evolutionären Prozess. Ich wurde in eine Kultur hineingeboren, die ich mit allem, was ich denke und tue, fortsetze. In einem Vortrag wurde ich wieder einmal daran erinnert. Agnieszka Lessmann warf darin die Frage auf, ob man Opfer-Sein erben kann.

Sie hat sie zwar nicht ausdrücklich beantwortet, aber ich denke, sie würde ihre Frage bejahen. Ich bejahe sie fraglos, auch wenn mein Erbe ganz anders aussieht, eines, dass man gerne ausschlagen würde. Die Frage, die mich umgetrieben hat, ist, was das Gemeinsame dieser unterschiedlichen und scheinbar entgegengesetzten Erbschaften ist.

Beide, Opfer wie Täter, mindestens ihre Nachfahren, müssen sich, ganz banal, wieder als das erkennen, was sie sind, nämlich als Menschen. Menschen, die nicht auf zwei Seiten stehen, sondern in eine Richtung schauen. Und miteinander reden, statt sich gegenseitig das Leben schwer zu machen, sich das Menschsein abzusprechen oder sich gegenseitig umzubringen.

Wir werden diese evolutionäre Aufgabe, wenn es denn eine ist, nicht lösen können, wenn wir nicht miteinander reden und uns zusammenfinden, uns als Eins erkennen. Doch das setzt voraus, sich wirklich als Täter- und als Opfer-Nachfahre zu begegnen um sich im Menschsein wiederfinden zu können. Wir müssen aufhören zu denken, das hätte nichts mit uns selbst zu tun.

Keiner will Täter sein, auch ich nicht. Die Frage ist, ob ich nicht genau dazu bereit sein und mit Opfern sprechen muss – aus der Perspektive eines Täter-Nachfahren, nicht aus der desjenigen, der damit nichts zu tun hat. In unserem aktuellen gesellschaftlichen Wirklichkeitsverständnis scheint mir das schlechterdings schwierig zu sein. Nur so, wie ich das Erbe des Täters hinter mir lassen muss, muss auch das Erbe der Opfer hinter sich gelassen werden. Nur kann ich darüber nicht sprechen, ich kenne nur was es bedeutet, das Erbe eines Täters übernommen zu haben.

Wie auch immer, es scheint meine Aufgabe zu sein, die mir vom Leben zugedachte Rolle in diesem Evolutionsprozess einzunehmen, so schrecklich diese Rolle auch ist. Doch wir werden in unserem aktuellen Wirklichkeitsverständnis keine wirklich dauerhafte Lösung finden. Es sei denn, wir sind in der Lage, uns auf der Ebene der Wirklichkeit zu begegnen. Das aber ist eine neue, vielen noch unbekannte Ebene, denn das bedeutet, jegliche Dualität in unserem Denken zu überwinden. Das ist wohl der einzige Weg, der Falle der naturalistischen Fehlschlüsse zu entkommen beziehungsweise überhaupt gar nicht erst hinzugeraten.

Einen Weg in diese neue Art des Denkens findet sich in dem Buch „Physik und Unendlichkeit: Der Dalai Lama im Dialog mit den Vordenkern der Naturwissenschaft“. Es zeigt für mein Verständnis einerseits den erforderlichen dialogischen Umgang mit diesem Thema, andererseits den sachlichen und unaufgeregten Zugang zu dem vielfach emotional aufgeladenen Thema.