Den Zwiespalt überwinden

Mein Vater hat nicht aus niederen Gründen gehandelt, sondern aus wohl überlegtem Kalkül. Ich spreche hier von der Zeit 1933 – 1945. Für ihn waren die Versuche, an denen er mittelbar und unmittelbar beteiligt war, von wissenschaftlichem Wert und gerechtfertigt. Das macht es – für mich – noch viel schlimmer, schwer erträglich. Ich kann nicht einfach sagen, er sei grausam oder böse gewesen, es war getragen von einer schwer vorstellbaren Haltung und Ideologie. 

Wenn ich das Foto meiner Eltern aus dieser Zeit betrachte, dann sehe ich ein elegantes Paar, was ich lange Zeit nicht mit der Brutalität des nationalsozialistischen Regimes in Übereinstimmung bringen konnte und noch immer nur sehr schwer kann. Ich weiß zwar mittlerweile, was mein Vater getan hat, die vorhandenen Dokumente lassen sich einfach nicht wegleugnen, und worin ihn meine Mutter definitiv unterstützt hat, schien sie doch immer die treibende Kraft in der Beziehung zu sein und war es wohl auch.

Auf der einen Seite ein elegantes Paar. Und nimmt man dann noch das obige Foto meines Vaters dazu, dann sieht man einen Mann, bei dem man nicht glauben mag, dass er mit Karl Brandt und Paul Rostock an medizinischen Versuchen an Menschen zusammengearbeitet hat.

Und genau das hat den Zwiespalt in mir ausgelöst. Der war ja in mir, also musste ich den Grund in mir selbst erkennen, wenn ich diesen Zwiespalt auflösen will, denn er hat nichts mit meinen Eltern zu tun, sondern allein mit mir! Es war mein inneres Uneinssein, die Unfähigkeit, mich für die eine oder die andere Seite zu entscheiden. Ich konnte den Zwiespalt zwischen Gefühl und Vernunft lange Zeit nicht auflösen.

Einerseits ein strahlender, fröhlicher junger Mann, andererseits ein Naziverbrecher. Das andere Bild zeigt ihn in einem Gespräch mit einer offensichtlich hochrangigen Persönlichkeit in Beelitz. Das ist aber auch mein Vater, mit dem ich oft diskutiert habe, der mir wichtig war und dem ich doch immer wieder aus dem Weg zu gehen suchte.

Das war und ist auch noch der Zwiespalt in mir. Ganz ist er nicht weg. Als sein Sohn habe ich durch Gene, Epigenetik, Erziehung und Kultur genau dieses Erbe angetreten. Ich wurde da hineingeboren, konnte es mir nicht aussuchen, doch will ich zu mir selbst kommen, muss ich mich aus diesem Erbe lösen. Bis ich das nicht getan habe, so lange werde ich nicht bei mir selbst ankommen können und zwar nicht in seine Fußstapfen treten, aber die innere Zerrissenheit, die ich so gut kenne, wird mir bleiben. Will ich mich also aus diesem Erbe lösen und einen anderen Weg gehen, dann ist es notwendig zu erkennen, was er gedacht haben kann oder muss, dass er für richtig gehalten hat, was er tat.

Mit anderen Worten: Finde ich den Denkfehler nicht, den er hatte und den ich von ihm geerbt habe, dann werde ich zwar nicht tun, was er tat, aber der innere Zwiespalt bleibt. Und solange ich mir dessen nicht bewusst bin, kann ich mir auch nicht sicher sein, genau den selben Fehler zu machen wie er, wenn die Umstände entsprechend sind. Das Einzige, was mich davor bewahren kann, ist den Fehler zu finden und anders zu denken.

Und genau damit beschäftige ich mich seit Jahren und hoffe auch, endlich den Fehler im Denken gefunden zu haben.