Dem falschen Spiel entkommen 

Solange ich nicht bereit bin, das konventionelle Getue aufzugeben, ist es schlecht um mich bestellt und letztlich auch um die Menschheit. Denn dann werden wir weiter so tun, als lebten wir in einer Gemeinschaft, obwohl wir keine sind.

Scott Beck hat dies in seinem Buch ‚Gemeinschaftsbildung – Der Weg zu authentischer Gemeinschaft’ beschrieben. Auch bei Erich Fromm und Arno Grün oder David Boom finden wir ganz ähnliche Gedanken, aber nicht nur bei denen.

Die Frage ist also: Weshalb hält sich dieses Phänomen derart hartnäckig? Was liegt dem zugrunde? Dass es keine Notwendigkeit dafür gibt, zeigt sich ja daran, dass es Gruppen von indigenen Menschen gibt, die dieses ‚Problem‘ ganz offensichtlich nicht hatten und teilweise auch immer noch nicht haben.

‚Konvention‘ oder ‚konventionelles Verhalten‘ ist seit Tausenden von Jahren etwas typisch Menschliches und kommt in der Natur wohl nicht vor, wobei ich da sehr vorsichtig bin, denn es gibt Affenarten, bei denen etwas ganz Ähnliches beschrieben wird.

In den Religionen steckt ein ethischer Kern, der dieses ‚Problem‘ auszuhebeln sucht. Was aber ganz offensichtlich nicht wirklich gelingt, wie man auch bei vermeintlich friedfertigen Traditionen wie dem Buddhismus immer wieder erleben kann. Es bleibt einem also nichts, als das selbst klar zu bekommen.

Wenn ich bei den philosophischen Traditionen nicht sicher sein kann, dass sie richtig liegen, worauf kann ich mich dann beziehen? Mein eigenes Erleben ist ja durch meine inneren Glaubenssätze drastisch reglementiert und auch reduziert. Andererseits muss ich jede Überzeugung immer selbst verifizieren und nicht einfach nur glauben, nur weil sie von einem schlauen oder anerkanntem Kopf kommt.

Wie also entkomme ich dem falschen Spiel? Ganz einfach, ich fahre an die See und gehe am Strand nicht nur spazieren, sondern reflektiere darüber, was ein Strand ist. Es ist nämlich wirklich komisch, denn wenn man es einmal genau überlegt, gibt es gar keinen Strand, nur Sandkörner.

Übertrage ich diesen Gedanken auf die Gesellschaft, in der das falsche Spiel der Konvention abläuft, dann gibt es diese Gesellschaft wie auch den Strand nicht; sondern nur Sandkörner oder eben Menschen. Solche Begriffsbildungen haben es ja in sich. Wenn ich sage, dass die Nazis Juden, Sinti und Roma umbrachten, dann klingt das ganz anders als wenn ich sage, Menschen haben Menschen umgebracht.

Ich bin weder Nazi, noch Jude, noch Sinti oder Roma. Da fühle ich mich dann nicht betroffen. Aber rede ich von Menschen, dann bin auch ich davon betroffen, schließlich gehöre auch ich zu der Spezies Mensch und muss mir die Frage stellen, ob ich nicht auch wie andere dazu fähig bin.

Solche Begriffsbildungen helfen, nicht genau hinzuschauen. Die andere Frage ist, ob das sinnvoll ist. Was man leicht verneinen kann. Das ist es definitiv nicht, auch wenn wir es ständig tun. Man nennt das dann Konvention. Ich nenne es das falsche und sehr destruktive Spiel, den es ‚hindert‘ uns daran zu sein, wie wir wären, wenn wir es zuließen.

Was würden wir da sehen? Zum Beispiel, dass es einen Regenbogen nicht gibt, nur ein Phänomen, das wir Regenbogen nennen; ein Phänomen, das ganz spezifische Bedingungen braucht, damit es in Erscheinung tritt. Genauso wie ein Strand oder eben eine Gesellschaft ein Phänomen ist, das ganz spezifische Bedingungen braucht, damit es erscheint.

Wenn das so ist, dann bedeutet das, dass es sich in einem einzigen Augenblick verändern kann. Entweder, weil ein neuer Spieler oder etwas anderes, etwa ein eine Pandemie auslösendes Virus die Bühne betritt – und so weiter und so fort.

Oder die Spieler erkennen, dass sie ein Spiel spielen, dessen Regisseur sie auch noch selbst sind. Das Spiel geht selbstverständlich weiter, aber ganz anders. Wenn das nämlich geschähe, würden sich die Spieler wohl erst einmal hinsetzen und sich darüber Gedanken machen, was sie eigentlich sind und was sie da tun.

Als ich begann mir diese Gedanken zu machen fing ich an zu begreifen, dass ich selbst ein Phänomen bin,  das auf Grund der Bedingungen erscheint, die durch Körper, Denken und die Emotionen definiert sind. Und auch der Körper ist ein Phänomen, genauso wie das Denken und die Emotionen.

Alles, wirklich alles ist ein Phänomen. Und damit Eines sicher nicht: Statisch. Also spiele ich das Spiel auf eine ganz andere Weise. Denn, wie bereits gesagt, ich bin der Regisseur dieses Spiels, aber nicht nur der, sondern auch Autor, Bühnenbauer und Schauspieler.

Ich kann dem Spiel überhaupt nicht entkommen, aber ich kann das Spiel sehr bewusst spielen. Damit hört das falsche Spiel auf. Doch das ist nicht alles, man muss es auch handhaben können. Dazu brauchen wir Dinge, die wir kennen nur auf die jetzt neu erkannten Ebenen zu beziehen.

Es ist das Bewusstsein für das Phänomen der Propriozeption, die es nicht nur auf der körperlichen, sondern auch auf der denkerischen wie der emotionalen Ebene gibt.

Propriozeption bedeutet ursprünglich die Wahrnehmung des eigenen Körpers des eigenen Körpers nach dessen Lage im Raum, den Stellungen von Kopf, Rumpf und Gliedmaßen zueinander sowie deren Veränderungen als Bewegungen mitsamt dem Empfinden für Schwere, Spannung, Kraft und Geschwindigkeit.

Die Fähigkeit zur Eigenempfindung darf meines Erachtens nach eben nicht auf körperliche Phänomene beschränkt bleiben. Habe ich das Spiel durchschaut, brauche ich Propriozeption auch auf der denkerischen und der emotionalen Ebene.