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Dem Falschen entkommen

Wenn ich etwas durch die Auseinandersetzung mit der Geschichte meiner Eltern gelernt habe, dann ist es, dass das, was einem anderen vollkommen unverständlich erscheint, für den Betreffenden ziemlich normal ist, jedenfalls während er es tut. Doch wie kommt es dazu? Erkannt habe ich das nicht bei meinen Eltern, sondern bei mir selbst. Wenn ich auf das zurückschaue, was ich in meinem Leben so getan habe, selbstverständlich immer im Rahmen der Gesetze, dann entsprach das definitiv nicht dem, was ich angeblich für richtig hielt.

Das dabei schwierig zu Verstehende ist, dass es weder Verlogenheit noch Scheinheiligkeit war, die mich so handeln ließ, es ist etwas letztlich viel Heimtückischeres, denn ich merkte nicht einmal mehr, was ich tatsächlich tat, ich blendete es einfach komplett aus. Merken kann ich das allenfalls an Übersprungshandlungen, also Verhaltensweisen, die aus einer Konfliktsituation zwischen zwei entgegengesetzten Instinkten entsteht, etwa wenn sich Angriff und Flucht wechselseitig hemmen und freigesetzte „Triebenergie“ auf eine dritte Verhaltensweise überspringt, so dass diese dritte Verhaltensweise ausgeführt wird. Übersprungshandlungen erkennen andere daran, dass sie irritieren, weil das Verhalten unerwartet oder unangemessen ist. Aber eben nur andere, einem selbst sind die eigenen Übersprungshandlungen einfach nicht bewusst.

Beginnen unangenehme Themen bewusst zu werden, werden sie meist wieder ins Unbewusste gezogen, was sich durch starke Müdigkeit äußert: Ich will schlicht und einfach schlafen gehen. Oder mich ablenken. Aus den Erfahrungen von Psychologen weiß man, dass sich Patienten oftmals regelrecht vor dem Therapeuten zu verstecken suchen. Sie haben Angst, dass unerwünschte Gefühle und Erinnerungen wieder auftauchen, Angst, verletzt zu werden – kurz gesagt: Die Patienten leisten Widerstand gegen ihre eigene Wahrheit. Und ohne Analytiker tun sie das erst recht, denn wer zum Analytiker geht, weiß ja immerhin, dass er ein Problem hat, das Auswirkungen auf sein Leben hat, nur weiß er nicht, was der Grund dafür ist.

Es ist die Kombination aus der Banalität des vermeintlich Normalen, dem Gewohnten und zur Selbstverständlichkeit Gewordenem, das mich vielfach nicht mehr sehen ließ, was ich tatsächlich tat. Ich glaubte es zwar zu sehen, doch ich sah die Tragweite und die Bedeutung dessen nicht, was ich tat. Ich war sozusagen reflexionsunfähig geworden. Merken kann ich das nur, wenn ich mir meiner Übersprungshandlungen bewusst zu werden suche. Das „Problem“ ist nicht, wenn ich etwa ständig über andere rede, und es ist auch nicht das Problem, dass ich damit etwas zu kaschieren suche, wovon ich ablenken will. Das wirkliche Problem ist, überhaupt zu merken, dass dies eine Übersprungshandlung ist, also den inneren Konflikt zu spüren und nicht mehr bereit zu sein, ihn zu kaschieren. Bin ich dazu bereit, löst sich das Kaschieren-Wollen wie auch das Schlecht-über-andere-Reden einfach auf.

Ich verdränge, was mich zu sehr infrage stellt und nicht etwa weil diese Erkenntnis oder Einsicht angeblich weh tun würde. Das sage ich nur, weil mich das besser dastehen lässt, mich zu einem armen, bemitleidenswerten Opfer macht. Genauso, wie ich immer die Frage nach dem stellte, was ich bin, statt dass ich gemerkt hätte, dass doch nur von Bedeutung ist, was ich tatsächlich tue. Warum ich etwas tue ist völlig bedeutungslos. Aber nicht für mich selbst, denn es gibt mir dieses „Ich-Gefühl“. Warum habe ich mich so lange geweigert wahrzunehmen, wie meine Eltern tatsächlich waren? Wir hatten zwar permanente Konflikte miteinander, trotzdem identifizierte ich mich durch oder über sie. Und es war einfach nicht nett, mir meine Identifikationsobjekte zu beschädigen. Also wollte ich es lange Zeit einfach nicht wahrhaben, denn wer würde ich denn dann noch sein, so ohne Identifikationsobjekt Eltern? Wie gesagt, im Streit lag ich schon lange mit ihnen.

Ich saß also in der Falle, denn ich hatte mich mit jemand identifiziert, was ich lieber hätte bleiben lassen sollen. Was ja nicht bedeutet, seine Eltern nicht zu mögen! Aber zurück zur Identifikation mit den falschen Göttern. Arno Gruen beschreibt das hervorragend in seinen Büchern. Viele Kinder erkennen die Autorität, aber das bedeutet nicht, dass sie sich dagegen auflehnen, auch wenn sie selbst das denken. Im Gegenteil: Viele Kinder identifizieren sich mit der Autorität, weil sie Angst haben. Man kennt das ja aus der Psychologie. Eine Person verinnerlicht und übernimmt dabei ohne ihr bewusstes Wissen und oft gegen ihren bewussten Willen Persönlichkeitseigenschaften, Werte und Verhaltensweisen des Aggressors und macht sie zu Anteilen ihres Selbst. Und weil ein solches Verhalten zutiefst menschlich ist, will man es einfach nicht wahrhaben, dass man selbst kein Jota anders ist. Man muss sich sehr bewusst machen, dass das wahrscheinlich nicht nur gelegentlich, sondern regelmäßig, ohne bewusstes Wissen und gegen den eigenen bewussten Willen passiert. Darüberhinaus passiert das auch bei der Herausbildung der Identität in der menschlichen Ontogenese. Jedenfalls ist es da nahezu der Regelfall. Wirklich fatal, denn wie soll man da wieder raus kommen, wenn man es selbst nicht einmal wahrnimmt?

Eine wirkliche Verbesserung der Situation ist meiner Ansicht nach erst dann möglich, wenn ich mich zur wirklichen Eigenständigkeit entschließe. Was aber ein echtes Problem ist, denn wir soll ich selbst tatsächliche Eigenständigkeit von vermeintlicher Eigenständigkeit unterscheiden? Bei anderen ist das bei kritischer Betrachtung schon möglich, aber bei mir selbst? Ich suchte meine Eigenständigkeit im Beruf, in der Politik und wurde letztlich enttäuscht, denn da war sie nicht zu finden. Wirklich eigenständig kann ich nur dann sein, wenn ich eigenständig denke, ohne mich an irgendwelche Konzepte und Methoden zu binden. Dabei taucht für mich eine ganz andere Frage auf, nämlich die, ob Eigenständigkeit etwas mit Kultur zu tun hat. Sowohl in meinem Beruf wie auch in der Politik verkörperte ich eine spezifische Kultur, die auch in meiner Kleidung, meinem Verhalten, meiner Sprache et cetera sichtbar geworden war. Einfach in allem. Und auch wenn ich mich über meine Art des Denkens identifiziere, bedeutet das eine spezifische Kultur.

Meine aktuelle Identifikation entspricht also einer spezifischen Kultur, jedoch keiner vorgegeben, allenfalls einer übernommenen oder imitierten. Bedeutet das aber nicht, dass ich das einfach umdrehen kann? Kann ich also durch eine bewusst gewählte konkrete Kultur eine spezifische Identifikation realisieren? Sicher nicht eins zu eins, aber immerhin? Was hierbei eine tragende Rolle spielt, ist die Innen-Außen-Identität. Eine Differenz zwischen Innen und Außen gibt es nur im Fall eines inneren Konflikts. Entscheide ich mich also im Innen bewusst für eine spezifische äußere Kultur, dann kann ich davon ausgehen, dass diese Kultur mein Inneres prägt, einfach deshalb, weil ich diese Kultur ja anstrebe.

Nur, ich muss diese Kultur auch wirklich leben wollen und dabei nichts ausblenden. Es ist ja bald wieder Weihnachten. Die Weihnachtszeit beginnt mit einem ungarisch-römischen Soldaten (Heiliger Martin), dann kommt ein türkischer Bischof (Heiliger Nikolaus), ein aramäischer Wanderprediger (Jesus), jüdische Hirten und drei persisch-arabische Sterndeuter (Heilige drei Könige). Jochen Reeh-Schall hat die Frage gestellt, was passieren würde, wenn dieses Grüppchen heute über einen deutschen Weihnachtsmarkt laufen würde. Man kann sich das nicht nur angesichts der AfD-Erfolge lebhaft vorstellen. Ein wirklicher Christ hätte, wenn er seine Religion ernst nimmt, damit absolut kein Problem. Es ist ja schon ein Witz, wie schwer sich die beiden großen christlichen Religionen miteinander tun.

Also eine stimmige Kultur leben, ohne Vorbehalt und ohne geheime Hintertürchen. Ich muss nur bereit seit, völlig darin aufzugehen.

Dann endet jede Art von Identifikation.

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