Das Paradox des Lebens

Das Leben kann ich nicht verstehen. Aber ich kann leben! Und darauf kommt es an. Kodo Sawaki hat es, wie ich finde, in diesem Satz hervorragend auf den Punkt gebracht: „Du sagst, die Buddhalehre sei schwer zu verstehen? Warum ist sie so schwer für dich zu verstehen? Weil du versuchst, sie in deinem kleinen Schädel privat zu verstehen – wenn du bloß damit aufhören würdest, wäre überhaupt nichts dabei!“ Das mit dem „kleinen Schädel“ darf man nicht persönlich nehmen, andere Ch’an-Meister sind da viel gemeiner in ihren Bemerkungen über die Denkfähigkeit von Otto Normalverbraucher.

Mit solchen Paradoxien, die man ja nicht nur aus dem Ch’an kennt, beschäftigen sich Quantenphysiker wie Philosophen, aber auch ganz normale Menschen, die einfach wissen wollen, was wirklich ist, vor allem, weshalb sie selbst sind, wie sie eben sind – für sich selbst oft unverständlich. Nur woran liegt das, dass wir uns oft selbst nicht verstehen? „Schrödingers Katze“ ist so ein Beispiel dafür. Es ist ja Schrödingers Mathematikbegabung gewesen, die die Tür zur Beschreibung der Quantenphänomene geöffnet hat. Nur wollte er das damals vielleicht nicht wahrhaben und versuchte das Erklärungsdilemma mit seiner Katzen-Matapher deutlich zu machen.

Es ist auf Anhieb nicht so einfach zu verstehen, dass die Welt eins ist und ich mich doch als Individuum erlebe. Beides ist korrekt. Was jetzt? Eins oder Individuum? Oder etwa beides gleichzeitig. Aber es ist meines Erachtens nach Unfug zu behaupten, es sei ein Lüge, wenn ich von mir spreche, weil ich mich selbst ja garnicht definieren kann. So einfach ist es nämlich nicht. Als Lüge bezeichne ich es nur dann, wenn ich mich auf der mechanischen Erklärungsebene bewege, die ich doch tatsächlich überwinden will. Wenn ich also sage „ich schreibe gerade einen Text“, dann stimmt das, denn ich stelle eine Beziehung zwischen meinem Körper, meinem Gehirn, den Tasten des PC und den Bildschirm her, auf dem der Text erst einmal mir erscheint.

Man muss nur die Beziehung sehen oder besser erleben, dann stimmt der Satz, auch, wenn er nicht wörtlich zu verstehen ist. Wenn meine Frau mir über die Schulter schauen würde, könnte sie ihn auch sehen, einfach weil sie eine entsprechende Beziehung herstellen würde. Ein „Fehler“ tritt nur dann auf, wenn ich mein Erleben oder mein Tun wie mein Denken eins zu eins glaube, in Sprache wiedergeben zu können. Sprache ist immer nur eine Umschreibung und es ist einfach falsch, einen Begriff mit dem gleichzusetzen, was er beschreibt oder benennt.

Die Welt und auch die Dinge darauf bestehen aus Beziehungen, nicht aus Mathematik und auch nicht aus Worten. Natürlich existiert die Tastatur auf der ich gerade tippe, nur solange sie keine Beziehung zu mir oder ich zu ihr habe, solange existiert sie – in diesem Fall natürlich nur für mich – nicht. Nur Quantenpampe, wie ich immer sage. Ob sie für andere existiert, ist eine Frage deren Beziehungen dazu.

Ja, nur wozu haben sie eine Beziehung, wenn da im Grunde nur Quantenpampe ist? Den Schrank, den ich eben betrachtet habe, existiert als Schrank ja nur in meinem Kopf, außerhalb meines Kopfes ist da auch nur Quantenpampe, ein wirklich faszinierendes Geflecht von Energien. Doch ein Schrank wird es erst, wenn Denken hinzukommt. Worunter man keinesfalls das verstehen darf, was wir gewöhnlich darunter verstehen. Ein Denken, in dem der Denker selbst nicht existiert, auch wenn er es ist, der denkt.

Seit langer Zeit suchen Wissenschaftler zu ergründen, was Bewusstsein ist. Und die Menschen haben seit Äonen von Jahren ihre Vorstellungen davon, was Bewusstsein ist. Doch wenn ich ehrlich bin, dann kann ich zwar sagen, was es bedeutet mir etwas Bewusst zu werden, aber Bewusstsein als solches – keine Ahnung. Und nicht anders ist es mit mir selbst. Ich denke, tue und mache, was man leicht feststellen kann, doch das bedeutet eben nicht, dass es ‚mich’ gibt. Das zu glauben wäre falsch, doch es ist absolut richtig zu sagen „Peter, komm mal her!“ wenn man möchte, dass ich mich bewege.

Wenn ich also den Schrank, den es nur in meinem Kopf gibt, so behandle, als gäbe es ihn von mir getrennt – was ja nicht stimmen kann –, dann ist es auch vollkommen ok, mit mir selbst zu reden. Läuft auf das Selbe hinaus. Nur ich muss sehen, dass das eine Illusion ist, die durch meine Wahrnehmung erzeugt wird. In Wirklichkeit ist es ganz anders. Dabei geht es auch anders, ich brauche nur die stimmige Haltung dafür. Ich habe vorhin einmal kurz das Neue Jahr auf dem Moped begrüßt. Was soll ich sagen: Ich war nicht dabei, auch wenn ich ziemlich bewusst auf dem Teil saß. Was ich damit sagen will:

Je bewusster ich bin, was ich denke und tue, desto weniger gibt es da ein ‚Ich’. Das ‚Ich‘ kann man – wie das Bewusstsein auch – an seinen Auswirkungen erkennen, aber es selbst beschreiben oder definieren zu wollen – unmöglich. Man kann immer nur die Wirkung beschreiben. Erinnert mich an Schrödinger, der hat über die Naturgesetze das Selbe gesagt. Scheint ein grundlegendes Prinzip der Natur zu sein.