Das Geländer im Kopf

Das sind meine Ansichten und Meinungen. Betrachte ich nur, was wirklich ist, ist da kein Geländer (mehr). In dem Moment, in dem sich eine Wertung und Bewertung einschleicht, denke ich in vorgegebenen Bahnen. Halte ich also einen Wert beziehungsweise eine Bewertung für wirklich, etwa die Rose, die ich gerade betrachte, ist schön, oder der Fleck auf meinem Hemd ist eklig, dann bewege ich mich nicht mehr innerhalb der Wirklichkeit, sondern meiner eigenen Wertigkeit, die dann meine (!) Wirklichkeit definiert.

Mein „Weltbild“ ist also entweder ein tatsächliches Bild von der Welt oder eine Vorstellung davon, wie die Welt sein sollte oder vielleicht auch ist – aber eben meiner Ansicht nach. Die entscheidende Frage ist daher, ob ich in der Lage bin, die Dinge wertfrei zu sehen, oder ob ich sie (weiter) bewerte! Das bestimmt mein Denken, mein Empfinden, meine Emotionen und letztlich auch mein Handeln!

Also denke und handle ich entweder aufgrund dessen, was wirklich ist oder aufgrund dessen, was ich für wirklich halte.

Ein Beispiel: Die Nationalsozialisten fragten sich, ob das Leben eines behinderten Kindes lebenswert sei, nicht aber, ob es leben könnte und was es überhaupt erlebt. Das Leben wurde also in den Grenzen der Wertigkeit eines „gesunden Volkskörpers“ gedacht und eben nicht in den Grenzen des betroffenen Körpers. Mit dem Begriff „Volkskörper“ wurde ein organizistisches und biologistisches Verständnis von „Volk“ und Gesellschaft ausgedrückt.

Das basierte auf der Überzeugung, dass sich viele biologische Fragen nur beantworten lassen, wenn man Organismen beziehungsweise Untersuchungsgegenstände oberhalb der Ebene des individuellen Organismus – wie zum Beispiel Populationen, Biozönosen und Ökosysteme – nach dem Modell des individuellen Organismus untersucht.

Die Frage, die sich mir stellt, ist, ob wir heute vielfach nicht dem selben Denkfehler verfallen. Obwohl, im Grunde ist es für mich keine Frage mehr, eher nur noch eine rhetorische. Wir denken nicht wie die Nationalsozialisten, doch wir denken mit der selben fehlerhaften Struktur. So diskutieren wir heute über „das“ Wirtschaftssystem, aber nicht über die Lebensgrundlage der Menschen.

Das ist doch der selbe Denkfehler! Die Anführungszeichen bei dem „das“ sollen übrigens deutlich machen, dass es „das“ Wirtschaftssystem nicht gibt, sondern nur das, was Menschen tun. Ein weiterer Denkfehler.

Da wie dort werden Wirklichkeit und Wert synonym gebraucht. Und wir sprechen über das Wirtschaftssystem, als ob das real existieren würde, was es aber nicht kann. Die Folge ist, wir denken und verhalten uns entsprechend unserer Wertevorstellungen, aber nicht entsprechend der Wirklichkeit.