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Theorie und Praxis

Von der Theorie zur Praxis kommt man nicht über einen Weg, sondern nur über eine Entscheidung. Es ist die wesentliche „Baustelle“ im Leben, die eigentliche Herausforderung, die es immer wieder zu meistern gilt. Das bedeutet jedoch nicht, dass man diese Mauer zwischen Theorie und Praxis überwinden könnte, denn zwischen Theorie und Praxis gibt es keinen Übergang, das eine schließt das andere aus.

Da ich 6 Semester Physik studiert habe und mechanische Themen recht gut verstehe, fiel es mir auch in der Theorie sehr leicht, die Prinzipien des Motorradfahrens zu verstehen. Die richtige und ideale Kurventechnik war mir schnell klar, alles kein Problem. Doch das ist blanke Theorie. Dass man Dinge theoretisch zwar sehr gut beherrschen aber noch lange nicht entsprechend auch tun kann, habe ich auch in meinem Beruf immer wieder erfahren müssen. Ich konnte anderen richtig gute Ordnungssysteme vermitteln, aber ich vermochte es ihnen leider nicht zeigen, denn ich war alles andere als gut organisiert.

Vieles, von dem ich weiß, dass es definitiv richtig und auch sinnvoll ist zu tun und was ich anderen sehr gut erklären kann, mache ich trotzdem nicht. Ganz einfach deshalb, weil zwischen Theorie und Praxis eine unüberwindliche Grenze ist. Und diese Grenze lässt sich auch nicht überwinden, denn wo die Theorie existiert, gibt es keine Praxis, andererseits, wo Praxis ist, gibt es keine Theorie. Das eine schließt also das andere aus.

Es ist ein Entweder-Oder und genau genommen auch keine Grenze, die man überwinden könnte. Nur fühlt es sich oft so an, etwa wenn wir etwas üben. Doch auch hier wechsle ich oft blitzschnell zwischen den Zuständen Theorie und Praxis hin und her. Theorie ist immer ein Nachdenken, ein Reflektieren, Praxis hingegen ist – auch immer wie ausschließlich – ein Tun. Denke ich über das nach, was ich tue, tue ich es in diesem Augenblick tatsächlich nicht, umgekehrt denke ich nicht nach, wenn ich etwas tue. Das beschreibt übrigens den Zustand des Flow. Der Flow ist nichts Ominöses, sondern einfach nur reines Tun, absolut nicht unterbrochen durch Nachdenken.

Was aber bedingt oder ermöglicht den Wechsel zwischen Theorie und Praxis? Das ist die Entscheidung, es zu tun. Ich nenne es „sich einlassen“. Oft denke ich, ich hätte mich entschieden, habe es aber tatsächlich nicht, was ich daran merke, dass ich es tatsächlich nicht tue. Ich habe mich also nicht eingelassen. Was ich jedoch nur an den Ergebnissen meines Tuns oder an den Kommentaren anderer erkennen kann. Ich selbst kann mein Denken absolut nicht beurteilen, da es mir in seiner ganzen Komplexität nie bewusst werden kann. Die Frage ist also immer, ob ich darüber rede oder es tue, wobei ich vor reden kein „nur“ einfügen darf, denn ich kann entweder nur darüber reden oder es tun.

Wir Menschen sind tatsächlich so wenig zu Multitasking fähig wie mein PC. Was wir als Gleichzeitigkeit ansehen ist tatsächlich nur ein Aneinanderfügen von einzelnen Sequenzen. Und je mehr Programme am Laufen sind, desto weniger Arbeitsspeicher steht zum einen dem einzelnen Programm zur Verfügung und zum anderen springt die Rechenleistung von Programm zu Programm. Die Zeiten, die ich im beim Tun bin, nehmen in dem Moment ab, in dem ich etwas anderes tue, etwa Nachdenken.

Bin ich hingegen 100% beim Tun, also ohne Unterbrechung, dann bin ich im Flow. Ich muss einfach nur aufhören, nachzudenken oder immer etwas anderes zu machen, statt konsequent zu tun, was ich „eigentlich“ tun will. Also keine Ablenkung. Wie aber kann ich diesen Zustand in meinem alltäglichen Leben realisieren? Wie kann ich dauern im Flow leben? Ganz einfach:

Ich lasse keine Ablenkung mehr zu.

Veröffentlicht in Reflexionen