Springe zum Inhalt →

Wirklichkeit

Hinter das Vordergründige schauen, das möchte ich hier tun, hinter das vermeintlich Offensichtliche. Was wir wahrnehmen, das existiert nämlich so tatsächlich nicht. Doch was existiert dann? Das ist die Frage, der ich hier nachgehen möchte.

Du verstehst nicht, dass die grundlegende Lehre des Dharma darin besteht, dass es keinen Dharma gibt, dass diese Lehre des Nicht-Dharma in sich selbst jedoch ein Dharma ist.

Das sagt Huang-po in „Der Geist des Ch’an“ in einem Gespräch über Hui-nêng und warum der und nicht der belesene Shên-hsiu die Robe bekam, obwohl er doch die zweiunddreißig Bände der Sûtras zu erklären vermochte. Ich finde diesen Gedanken absolut aktuell. Viele Menschen haben ja wundersame Erklärungen, warum sie existieren, statt dass sie einfach akzeptieren würden, dass sie existieren – egal weshalb – und daraus das Beste machen würden. Denn das bedeutet erst einmal zu sehen, was zu sehen ist.

Eigentlich recht einfach, man braucht nur genau hinzuschauen und sich aus seinem Ego-Kokon lösen. Dann kommt man beispielsweise schnell drauf, dass es keinen Regenbogen gibt, sondern nur das Zusammenspiel von Licht, Wasser und jemandem, der das ganze betrachtet – und schon ist da ein Regenbogen. Nur geben tut es den nicht wirklich, nur ein Prozess. Erinnert an das alte Ch’an-Koan, welches Geräusch ein fallender Baum macht, das niemand hört. Eben. Da ist dann kein Geräusch. Ohne einen Wahrnehmenden ist da einfach nichts zu hören, aber nicht Nichts.

Das kann man alles noch gut verstehen. Doch wie ist es mit dem Stein, über den man vielleicht gerade gestolpert ist? Der ist doch da, oder? Der ist auch wieder nur da, wenn ihn jemand wahrnimmt, aber eben kein Nichts. Also ein Stein, der kein Stein ist? So in etwa. Nur dass ich in meinem Leben auch in Zukunft nach Möglichkeit versuche, nicht über Steine zu stolpern. Aber wenn ein Stein nicht das ist, was ich zu sehen glaube, was ist dann ein Gedanke? Auch nur ein Prozess? Genau!

Wenn ich nicht ständig weiter von statischen Dingen ausgehen, sondern von Prozessen, angefangen bei meinen eigenen Gedanken, meiner Gesundheit wie bei meinen Beziehungen, dann mache ich schon ein ordentliches Fass auf. Dann kann ich alle meine bisherigen Theorien über Zusammenhänge in die gedankliche Mülltonne entsorgen. Denn das alles ein Prozess ist, das ist keine Theorie, das ist ein Fakt. Wenn jedoch nichts statisch ist, sondern letztlich alles ein Prozess, was bringt dann den in Bewegung? Gute Frage, nicht? Will ich diese Frage beantworten, dann orientiere ich mich nicht an den Philosophen, sondern an den Wissenschaftlern. Und die sagen mittlerweile, dass es mit Information anfängt. Bei der Materie. Und da auch ich aus Materie bestehe, spielt das auch für mich eine große Rolle. Daher achte ich möglichst darauf, welche Informationen ich in mein Gehirn einbringe. Also was ich über das denke, was ich wahrnehme.

Sehr, sehr dankbar bin ich Gert Scobel für seine Begeisterung für den Film Matrix, den ich auch sehr inspirierend finde. Man muss nur die Show drumherum ausblenden. Was aber macht Matrix aus? Was ist der Kern? Skeptizismus! Nur so merkt man, dass man tatsächlich Boden unter den Füßen hat und schnellstens aufhören sollte, in seinen Gedankenwolken zu schweben. Der leider sehr in Verruf geratene Descartes war da auf einem guten Weg. Nur hat das den wenigstens in ihre Philosophie gepasst, denn er war ein Perfektionist im Zweifeln. Wie sagt er doch? „ … ich will glauben, Himmel, Erde, Luft, Farben, Gestalten, Töne und alle Außendinge seien nichts als das täuschende Spiel von Träumen.“ Und genau so ist es. Aber das muss man erst einmal begreifen. Wenn man das begreift, dann merkt man leicht, dass da ja was sein muss, das das denkt. Und deshalb ist sein Gedanke „ich denke, also bin ich“ nicht von der Hand zu weisen. Wobei man sich noch über das „ich“ Gedanken machen sollte.

Langer Rede kurzer Sinn: ich bin nicht das, was ich bisher zu sein glaubte. Wenn ich jetzt aber versuche, mich sozusagen dingfest zu machen, mich also zu definieren, erleide ich unweigerlich Schiffbruch. Denn ich kann zwar beschreiben, was ich so tue, aber ich kann mich nicht definieren. Also sollte ich schleunigst jede Vorstellung von mir aufgeben und einfach wahrnehmen, was ich so mache – und aufhören, mich zu fragen, wer oder was ich eigentlich bin. Das ändert an meinem Sein nichts, aber es macht mir klarer, wie ich überhaupt funktioniere. Und genau da will ich hin, egal, was ich jetzt bin.