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Dilemma oder Tetralemma?

In welcher Welt leben wir? Das ist vor allem unsere eigene Entscheidung. Leben wir in einer offenen, freien oder in einer engen Welt ohne große Möglichkeiten, uns zu entfalten? Diese „Entscheidung“ liegt letztlich darin, welchem Wirklichkeitskonzept wir folgen wollen – dem gewohnten, also dem Dilemma, oder dem quantenphysikalischen, dem Tetralemma, das auch die Systemiker und die Buddhisten kennen. Das lässt sich bildlich so darstellen:

Das Tetralemma ist vielen Menschen erst einmal grundsätzlich suspekt, denn da ist nichts, was man sicher planen könnte. Klingt nach alles ist möglich. Also Unberechenbarkeit bis zum Abwinken? Vom Verlauf her sieht das erst einmal so aus:

Dabei symbolisiert der Verlauf des ersten Pendels, also die rote Linie, den Verlauf des Denkens der klassischen Physik, der Verlauf des zweiten Pendels, also die blaue Linie, den des quantenphysikalischen Denkens. Für was wollen Sie sich also entscheiden? Blau oder Rot? Klingt ein bisschen nach „Matrix“ – welche Pille wollen Sie nehmen?

Mit dem roten Verlauf wären Sie auf der sicheren, der berechenbaren Seite, doch wenn Sie sich für das Denken in den Strukturen der klassischen Physik entscheiden sollten, dann werden Sie in Zukunft auf Krücken laufen. Sozusagen, denn Sie haben stabile Zustände gewählt. Bewegung aber ist ein Prozess, und der ist potentiell instabil

Zu laufen kombiniert zwei stabile, aber unsichere Zustände – auf einem Bein stehen und das dann auch noch bewegen. Danach kommt das andere daran. Der „Trick“ ist dabei, dass wir mit der Zeit gelernt haben, diese beiden unsicheren Zustände miteinander zu kombinieren. Wir nennen es dann laufen. Ich darf mich nur nicht davon verwirren lassen, dass diese stabilen, also unbeglichen Zustände sicher sind, auch wenn wir uns auf einem Bein äußerst unsicher fühlen, bei zwei Beinen hingegen sicher. Einfach weil wir auf einem Bein nicht lange sicher oder überhaupt nicht sicher stehen können.

Es ist also unsere Bewusstheit für die Propriozeption, die es uns ermöglicht, aus zwei vollkommen instabilen Zuständen einen stabil erscheinenden Prozess zu machen, eben das Laufen. Entscheidend ist der Wechsel vom Zustand zu dem Prozess, indem wir zwei Zustände in Interaktion miteinander bringen. Dass dieser Zustand aber nicht absolut stabil ist, sondern permanente Aufmerksamkeit benötigt, merke ich sehr schnell daran, wenn ich über einen Stein stolpere. Laufen ist ein nur scheinbar stabiler Zustand.

Es verlangt also erst einmal Bewusstsein, zwei instabile Prozesse so zu synchronisieren, dass sich daraus ein relativ stabiler Prozess ergibt und dann auch noch die Bewusstheit entwickeln, die einem mögliche Störungen rechtzeitig  erkennen und vermeiden oder umgehen lässt. Im Leben haben wir es überall mit dem Übergang  von instabilen zu stabilen Zuständen zu tun, die man lernen muss. Wobei man nie vergessen darf, dass man sich dann nicht entspannt schlafen legen darf, sondern weiter sehr achtsam bleiben und den Stolperfallen aus dem Weg gehen sollte.

In einem stabilen Umfeld sind die Dinge festgelegt. Beispielsweise ein Unternehmen funktioniert wie eine hochentwickelte Maschine. Jeder Vorgang und jedes Tun folgt einem festen Plan. Wenn hier ein ‚Schräubchen“ ausfällt, besteht die Gefahr, dass die ganze ‚Maschine‘ streikt. Ein dynamisches Unternehmen hingegen funktioniert als Organismus. Dieser reagiert jederzeit auf Veränderungen und verhält sich im Moment der Veränderung anders, als wenn es die Veränderung nicht gegeben hätte. In einem dynamischen Unternehmen dominieren Wachheit und Aufmerksamkeit für Unvorhersehbares.

Denken wir also in stabilen Kategorien (klassische Physik) reduzieren wir unsere Möglichkeiten drastisch, lassen wir uns hingegen auf instabile Zustände ein (Quantenphysik), haben wir jede Menge Möglichkeiten – vorausgesetzt, wir sind aufmerksam. Chaos ist ein energetisch stabiler Zustand mit hoher Entropie, denn in diesem stabilen Zustand „steckt“ keine Energie! Ordnung hingegen ist ein instabiler Zustand, den herzustellen Energie und eine Ordnungsstruktur verlangt.

Aber es ist ein Zustand mit niedriger Entropie, also mit einem hohen Energiepotenzial. Bei Ordnung denken wir meist nur an einen ordentlichen Schreibtisch, doch wenn wir zwei instabile Zustände miteinander kombinieren wollen, etwa laufen, dann brauchen wir ein Ordnungssystem, in das wir immer wieder Energie investieren müssen. Aber das lohnt sich fraglos.

Also sollten wir uns endlich darauf einlassen und lernen mit Energie, Chaos und Ordnung umzugehen. Doch dazu müssen wir erst einmal wissen, wie es „funktioniert“.

Veröffentlicht in Reflexionen