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Konvention

Die Konvention zu beenden, in der wir so oft leben, das ist der wesentliche Schritt. Es geht dabei um das falsche Spiel, dessen Falschheit einem vielleicht gar nicht bewusst ist, man hat nur so ein komisches Gefühl, dass „eigentlich“ etwas nicht stimmt.

Böse wird das falsche Spiel dann, wenn man weiß, dass es falsch ist – aber weiter (mit-) spielt. Warum ist dabei egal, denn wenn man weiß, dass es falsch ist, hilft auch keine Rechtfertigung und keine Erklärung mehr. Dann ist es einfach nur noch böse. Wenn ich für mich festgestellt habe und weiß, dass mein Verhalten falsch ist, dann sollte ich schleunigst damit aufhören, auch wenn sich andere um mich herum weiter so verhalten, wie ich mich bisher verhalten habe. Meist fängt es ja sehr unverfänglich an. Mit einem Verhalten, das der Konvention entspricht. Man sagt nicht mehr, was man denkt, sondern hält lieber den Mund.

Das heißt nicht, dass man den oder dem Anderen das eigene Verständnis von richtigem Verhalten unbedingt sagen soll oder gar müsste, aber es heißt, dass man eben nicht mehr mitspielt und sich zumindest verabschiedet. Jedenfalls spielt man nicht mehr mit. Manchmal muss man aber stehen bleiben und sagen was man denkt, nämlich dann, wenn Grenzen überschritten werden. Die aber gilt es erst einmal für einen selbst zu definieren. Eine Herausforderung für unser gesellschaftliches Leben, denn wir haben eine Welt geschaffen, der wir nicht mehr nur mit unserem instinkthaften Repertoire begegnen dürfen, sondern wo grundlegende gedankliche Reflexion von uns gefordert ist. Was in der Welt der Tiere Sinn macht, macht es bei uns Menschen in unserem gesellschaftlichen und vielfach unnatürlichen Leben nicht mehr.

Für einen Pokerspieler, einen Wirtschaftsboss oder einen Politiker gibt es nichts Wichtigeres, als seine Emotionen zu verbergen. Für viele gilt das auch im privaten Kontext. Darwin erkannte, dass das hilft, um zu Überleben, da es den Menschen ermögliche, angemessen auf die Anforderungen seiner Umwelt zu reagieren. Aber es geht noch weiter. William James war der Ansicht, dass Menschen nicht davonlaufen, weil sie Angst hätten, sondern dass sie umgekehrt Angst haben, weil sie davonlaufen. Diese Idee wurde in verschiedenen im 20. Jahrhundert durchgeführten Studien belegt.

Lässt sich daraus ableiten, dass jemand, der gute Miene zum bösen Spiel macht, sich also zum Lächeln zwingt, dieses als Freude interpretieren und sich dadurch selbstbewusster verhalten wird? Und dass das gut für uns ist? Diese Hypothese scheint durch eine von dem Psychologen Fritz Strack durchgeführten Studie gestützt zu werden. Der Psychologieprofessor Robert W. Levenson kam zu dem selben Ergebnis. Zu lächeln, auch ohne wirkliche Freude dabei zu empfinden, scheint also tatsächlich fröhlicher zu machen.

Doch stimmt die Konsequenz, die man daraus ziehen könnte, nämlich dass, auch wer nicht Poker spielt, sich darin üben sollte, „gute Miene zum bösen Spiel zu machen“? Sicher nicht! Wie gesagt, wir leben nicht mehr in einer rein natürlichen Welt, sondern in einer zunehmend durch den Menschen gestalteten Welt. Und da macht das, was in der Natur Sinn macht, eben keinen Sinn mehr; einfach deshalb, weil der Mensch in der Zeit des Anthropozän die Spielregeln des Zusammenlebens zunehmend selbst definiert – und nicht mehr durch die Natur vorgegeben sind.

Doch dafür ist unsere natürliches Verhaltensrepertoire allein nicht hinreichend ausgestattet, so dass wir nicht immer angemessen reagieren können. Um damit umgehen zu können, also mit uns selbst und unserem eigenen Verhalten als Menschen, dafür braucht es mehr.

Es ist definitiv an der Zeit, dieses Spiel zu beenden.