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Denken ohne nachzudenken

Eines der immer wieder kehrenden Themen in den Videos von Jiddu Krishnamurti ist ohne Vergangenheit und Zukunft aktiv zu sein. Wenn ich einmal all mein Selbstbewusstsein zusammenkratzen würde, würde ich vielleicht mit einem Grinsen sagen „Nichts leichter als das!

Um diesen Gedanken als Realität zu erkennen, brauche ich tatsächlich nur eins zu tun: Mich auf mein Motorrad setzen und losfahren. Da existieren mit einem Mal keine Vergangenheit und auch keine Zukunft mehr. Das Nachdenken darüber schaltet sich sozusagen ganz von alleine ab, sobald die Räder sich zu drehen beginnen. Aber nicht nur das Nachdenken darüber, sondern das Nachdenken überhaupt.

Sollte es sich doch wieder einschalten, habe ich im selben Augenblick Schwierigkeiten. Also lasse ich es tunlichst bleiben, was aber – und das ist die Kröte – nicht so einfach ist. Es ist so, als würde ich mir befehlen, nicht mehr an etwas zu denken – ein Ding der Unmöglichkeit. Erst einmal. Es gibt nämlich zwei Arten des Denkens, das bewusste Denken über etwas, was immer ein Nachdenken ist. Auch wenn ich über Zukünftiges nachdenke, denke ich in der Vergangenheit, die ich dann in die Zukunft projiziere. Denken an sich passiert aber immer nicht bewusst. Nachdenken und denken sind definitiv nicht das Selbe!

Mit anderen Worten: Beim Motorradfahren setze ich ohne darüber nachzudenken das um, was ich an Wissen über Fahrgeometrie, Reifenhaftung, Motordynamik und so weiter in mein Denken integriert habe. Ich darf mich nur nicht überschätzen, denn etwas zu wissen heißt nicht, es auch anwenden zu können. Nur das Wissen, über das ich auch implizit verfüge, ist mir im Denken zugänglich. Dass ich also über etwas nachdenken kann heißt noch lange nicht, dass ich es auch denken könnte.

Beim Motorradfahren geht es also darum, das mir zur Verfügung stehende Wissen implizit erfahrbar zu machen – und nicht nur explizit zu wissen. Dieser Zustand wird in seiner Reinform  auch Flow genannt. Daher ist die spannende Frage: Was muss ich tun, damit ich das auch im Alltag hinbekomme?

Eigentlich ganz einfach. Ich muss alles, was ich tue, aufräumen, anziehen, schreiben, kochen oder essen, einfach alles in genau der Haltung tun, mit der ich mit ordentlich Tempo um eine Kurve fahren kann, also mit der selben Konzentriertheit und Bewusstheit. Wobei weder Konzentration noch Bewusstheit etwas sind, was ich willentlich „machen“ könnte. Ich darf bewusst nicht mit willentlich gleichsetzen, das geht dann sehr schnell schief.

Veröffentlicht in Reflexionen