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Anders denken

Wenn man mich fragen würde, was die philosophischen Gedanken der Quantenphysik und die des Buddhismus gemeinsam haben, dann würde ich sagen, es ist die Schwierigkeit, mit dem jeweiligen Denken klarzukommen. Dass die Gedanken der Quantenphysik über die Welt und die Gedanken des Buddhismus viele gedankliche Schnittmengen haben, das stammt übrigens nicht von mir, sondern von Anton Zeilinger.

Wenn man sich diese Gedanken einmal anhört, dann klingen sie absolut logisch, was man bei denen der Quantenphysik ja auch schlecht in Abrede stellen kann, schließlich ist ihre Richtigkeit reichlich bewiesen und auch schon ganz normaler Alltag. Nur warum ist es dann so schwierig, auch so zu denken? Ganz einfach, weil man sie nicht denken kann, man kann sie nur erfahren.

Gerade habe ich in einem Post gelesen, dass man „Gesundheit“ nicht machen kann, man könne sie nur beobachten. Das stimmt jedoch nicht ganz. Gesundheit kann ich zwar nicht machen, aber ich kann günstige Vorraussetzungen dafür schaffen. Das „Kernproblem“ ist ganz einfach die Komplexität der Gesundheit. Komplexität lässt sich leider nicht managen, ich kann nur die hilfreichen Rahmenbedingungen schaffen, indem ich mein Umfeld entsprechend gestalte. Was natürlich voraussetzt zu wissen, was „Gesundheit“ bedingt und beeinflusst.

Doch um das wissen zu können, muss ich mir erst einmal klar darüber werden, was die Komplexität in Bezug auf „Gesundheit“ überhaupt ausmacht. So weiß ich beispielsweise, dass ich dick werde, wenn ich zu viele  Kalorien esse. Nur heißt das nicht, dass ich auch wüsste, weshalb ich zu viele Kalorien esse (was ich jahrelang getan habe und oft auch noch tue). Es vermittelt vielleicht das Gefühl es endlich in den Griff zu bekommen, wenn man weiß, das ein Überschuss an Kalorien dick macht.

Nur hilft das den Übergewichtigen nicht weiter, denn der komplexe (!) Mechanismus, der sie zu viel essen lässt, ist ihnen überhaupt nicht bewusst – und auch anderen nicht. Ich weiß heute noch nicht, warum ich früher zu viel gegessen habe, ich vermute es nur. Wenn ich also sage, es war Frust, dann beantwortet das die Frage nicht, warum ich mich überhaupt habe frustrieren lassen. Gehe ich dem genauer nach, öffnet sich mir ein Fass ohne Boden.

Die Konsequenz der Gedanken der Quantenphysik wie die des Buddhismus machen genau dieses Fass auf: Die Komplexität. Ein wirklich bodenloses Fass. Man kann sich nur in einem sicher sein, nämlich dass man nie wissen kann, ob man auch das Richtige tut. Man kann es nur hoffen um irgendwann zu erfahren (!), dass es richtig war, was man getan hat. Oder eben leider falsch. Wie schon gesagt, bodenlos. Mich auf eine komplexe Situation einzulassen bedeutet, dass ich nie wissen kann, ob auch das eintritt, was ich beabsichtige. Also dann, ade liebe Sicherheit! Nur: Das Leben ist definitiv komplex, auch wenn wir es Geren anders hätten!

Das bedeutet jetzt aber nicht, dass ich in einer Welt der Beliebigkeit versinken müsste, kann ich doch eine andere Sicherheit aufbauen. Nur ist das eine ganz andere Form der Sicherheit als die, die ich bisher hatte. Und sie verlangt ein grundsätzliches Umdenken – was die wirkliche Kröte ist. Denn das geht nicht so einfach, das verlangt, es zu praktizieren. Und zwar nicht nur gelegentlich, sondern konsequent immer. Ich wusste zwar schon lange, wie ich mit dem Motorrad idealerweise um Kurven fahren sollte, doch es auch wirklich zu tun, das musste ich erst einmal üben, es also praktizieren.

Ich fahre jetzt (10. 2020) seit 4 ½ Jahren und habe es immer noch nicht ganz „drauf“, auch wenn ich es schon längst kapiert habe, wie ich fahren müsste. Ein komplexes Thema, das ich, wie jedes andere komplexe Thema auch, anpacken muss, ohne zu wissen, ob es mir gelingen wird. Nur, wenn ich es nicht anfange, werde ich auch nie wissen, ob ich es erreichen kann. Bei vielen Dingen ist uns das selbstverständlich. Als ich Jura zu studieren begann wusste ich ja auch nicht, ob ich einmal ein guter Jurist werden und ob ich einen Job bekommen würde. Stand alles in den Sternen. Eben komplex.

Bei Dingen aber, die wir können, etwa logisch zu denken, tun wir uns verdammt schwer, diese Sicherheit aufzugeben. Natürlich kann ich auch weiterhin logisch denken, daran ist nicht zu rütteln, nur dass Logik der Komplexität nicht gerecht werden kann. Die Schwierigkeit ist zu akzeptieren, dass mein bisheriges Denken letztlich mir selbst nicht gerecht wird. Einstein hat dieses Denken als ein Gefängnis bezeichnet, aus dem es sich zu befreien gilt, wollen wir die Natur überhaupt wahrnehmen können.

Die Herausforderung ist also komplex zu denken. Das ist die eigentliche Schwierigkeit. Nur funktioniert das nicht auf Kommando, ich muss es praktizieren. Nur wie lerne ich, komplex zu denken? Ganz einfach, indem ich beispielsweise Go zu spielen und zu denken lerne. Wie auch im Denken der Quantnephysik und des Buddhismus gibt es nur sehr wenige Regeln, die sich über das systemische wie das buddhistische Tetralemma Nagarjunas beschreiben lassen:

Alles ist wirklich
und unwirklich,
sowohl wirklich als auch unwirklich,
weder wirklich noch unwirklich.

In der negativen Variante wird gesagt, dass keine der vier Möglichkeiten wahr ist. Es ist eine echte Herausforderung, die „acht Verneinungen“ Nagarjunas (die ein Quantenphysiker wohl unterschreiben würde) in das eigene Denken zu integrieren, also immer (!!) davon auszugehen: Nichtvergehen, Nichtentstehen, Nichtabbrechen, Nichtandauern, Nichteinheit, Nichtvielheit, Nicht-zur-Erscheinung-Kommen, Nicht-aus-ihr-Verschwinden.

So zu denken soll also verhindern, dass ich wieder zu viel esse? Ja, das denke ich wirklich. Denn mindestens gegen eines dieser Prinzipien würde ich dann verstoßen. Esse ich scheinbar grundlos zu viel, bedeutet das doch, dass es einen Grund dafür gibt, sonst würde ich es nicht tun. Ich will also etwas erreichen. Und genau damit verstoße ich gegen Nagarjunas Prinzipien. Die Schwierigkeit ist nur, dass ich nie wissen werde, gegen welches Prinzip genau ich verstoße.

Ich kann es nur dadurch vermeiden, indem ich so denke, mich also nicht darum kümmere, gegen welches Prinzip ich verstoßen habe, sondern grundsätzlich – und nicht nur gelegentlich von Fall zu Fall – nach oder mit diesen Prinzipien denke (und damit auch so lebe).

Es geht also nicht darum, sich entscheiden oder die richtigen Entscheidungen treffen zu müssen. Das ist nicht das Problem, sondern es kommt allein auf die Qualität des Denken an. Mit der richtigen Qualität des Denkens wird die Entscheidung ganz von selbst Realität. „Richtiges“ Denken ist das Denken, das mit der Wirklichkeit in Einklang ist. Und das ist das Denken der Quantenphysik.

Also praktiziere ich dieses Denken, was leider nicht bedeutet, dass ich es beherrschen würde.