Bleibende Erinnerung

Nicht wegen der Vergangenheit, sondern wegen der Zukunft ist es notwendig, sich immer wieder zu erinnern.

Es ist keine Frage, dass das Leben meiner Eltern maßgeblich dafür ist, wie ich mein eigenes Leben gestaltet habe und auch noch gestalte. Ich stehe sozusagen in einer ununterbrochenen (Kultur-) Linie.

Das ich in einer ununterbrochenen Linie stehe, bedeutet nicht, dass mich das ausmachen würde, wenn es auch mein Leben bestimmt, denn es fordert mich immer wieder auf mich zu entscheiden, wie ich auf Situationen reagiere. Die Geschichte meiner Eltern (sie sind beide gestorben, was es für mich erst einmal leichter machte, damit umzugehen) war und ist die Hintergrundschwingung in meinem Leben, eine Schwingung, die immer da ist, die ich nicht loswerden kann und vor allem nicht leugnen darf.

Mein Vater war einer der Ärzte, die im Dritten Reich Menschenversuche maßgeblich organisiert und durchgeführt haben – und meine Mutter hat ihn dabei emotional unterstützt, wobei sie möglicherweise oder sogar wahrscheinlich mit ihren Ansprüchen die treibende Kraft in der Beziehung war. Das definiert mich nicht, doch es ist die Grundlage meiner Entscheidungen. Diese Schwingung bestimmt ganz maßgeblich meine Entscheidungen, nicht nur die der Vergangenheit, sondern auch die zukünftigen, jedoch ohne sie festzulegen.

Ob ich (wie früher) immer Recht zu haben glaubte oder mich (immer seltener) im Recht fühle und ohne Bewertung wahrnehme, was ist, das geschieht beides vor diesem Hintergrund – aber es legt mich nicht fest. Wobei ich nicht bestreiten will, dass die „harte“ Variante mir oft noch leichter fällt als die „weiche“. Es ist wohl eine bleibende Notwendigkeit, mir dieser Kultur bewusst zu sein. Jedenfalls sehe ich es so.

Das setzt voraus, dass ich sehr, sehr achtsam durch das Leben gehe; denn bin ich unachtsam, kann die Hintergrundschwingung meine Entscheidungen stärker beeinflussen und tut es dann wohl auch.

Es liegt also an mir, wie ich mit den Gegebenheiten umgehe. Entweder, ich verdränge sie und lasse zu, dass sie mich wesentlich bestimmen, oder aber ich sehe, was war und entscheide mich bewusst immer wieder für das, was angemessen ist – vor dem Hintergrund dessen, was sie getan haben und was die Kultur ausmacht, in der ich aufgewachsen bin.

Meine Vergangenheit werde ich nie los. Doch ich kann sie verleugnen oder aber annehmen und daraus die stimmigen Konsequenzen ziehen – und mein Leben anders gestalten.