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Bin ich einer oder doch viele?

Eine Frage der Perspektive. Auf jeden Fall bin ich ein System, ein System aus sehr, sehr vielen Zellen und noch so einigem an Getier, ohne das ich nicht wäre. Ohne die Bakterien in meinem Darm wäre es nichts mit der Verdauung und ohne die anderen Bakterien auf meiner Haut wäre ich wohl dauerkrank. Ganz zu schweigen von denen, die sich in meinem Mund tummeln.

Da sich jede Zelle selbst organisiert und ihren eigenen DNA-Pool hat, sowie über ihre ganz eigene Memetik verfügt, gibt es mich also irgendwie nicht wirklich, auch wenn ich mich ganz anders erlebe. Wie ich mich erlebe bedeutet also nicht, dass ich auch so bin. Ist ein bisschen wie im Sport. Gewinnt der deutsche Speerwerfer auf der Olympiade, dann hat ganz klar Deutschland gewonnen. Doch verliert er, dann nur er. Aber doch nicht Deutschland!

Mein „Ich“ ist nur eine Frage der Perspektive

So ist es auch bei mir. „Ich“ fühle mich nur solange krank, solange ich nicht weiß, welcher Organgruppe etwas fehlt. Habe ich das aber identifiziert, etwa weil mir der Magen weh tut und jemand fragt mich, weil ich so leidend daherkomme, ob ich denn krank wäre, antworte ich wohl „Ja (also ich), mir tut mein Magen (der gehört mir) weh (also ein Organ).“ Da differenziere ich dann schon, wenn es für mich Sinn macht. Macht es aber keinen Sinn, dann spreche ich nur von mir. Wie gesagt, für mich.

Dabei wäre es sinnvoll, manchmal genauer zu differenzieren, weniger vielleicht bei den Organen, sondern mehr bei den Empfindungen und dem, was ich so denke. Was jetzt nicht heißt, dass ich den Körper und die Psyche von einander trennen sollte, ganz im Gegenteil, denn da ist tatsächlich kein Unterschied. Manchmal denke ich, dass Psyche nur eine Erfindung des Menschen ist, um sich besser in diesem wirtschaftlichen und gesellschaftlichen System funktionieren zu lassen. Und wenn ich das sauber auseinandernehme, dann komme ich vielleicht darauf, dass es „Psyche“ irgendwie ja gar nicht gibt, sondern nur eine Funktion der Zellen.

Das „Ich“ nur ein Beobachter?

Wahrscheinlich ist das, was wir als eigenständige Psyche ansehen nichts anderes als der Ausdruck unseres systeminternen Kommunikationssystems der Zellen untereinander. Akazien machen das übrigens auch so, wenn sie von Giraffen oder Antilopen angeknabbert werden. Die angeknabberten Zellen informieren schnell noch die anderen Zellen, die dann einen Abwehrstoff produzieren, der den Tieren gar nicht schmeckt. Aber nicht nur das, sondern sie produzieren auch einen Geruch, der die anderen Bäume warnt. Dummerweise haben das die Tiere irgendwie schon begriffen, die knabbern nämlich nur kurz und ziehen dann weiter – gegen die Windrichtung. Das kennen wir von uns selbst, wer schon einmal in einem Knast war, der weiß, wie Angst riecht.

Aber zurück. Die Zellen meines Körpers signalisieren den anderen Zellen, wenn in dem System etwas nicht stimmt. Nicht, damit ich mich krank fühle, sondern dass sie sich entsprechend verhalten sollen. Was ich aber leider oft nicht begriffen habe, sondern das Kranksein stand mir gewaltig im Weg, also warf ich ein paar Pillen ein, damit es mir (scheinbar) wieder gut ging. Doch mit den Pillen ist das so eine Sache. Wenn ich ein Symptom erkenne, beispielsweise einen zu hohen Blutdruck oder eine Stenose, dann weiß ich die Ursache noch lange nicht. Gerade beim Bluthochdruck können das sehr komplexe Zusammenhänge sein, die dazu geführt haben. Die Pille hilft zwar gegen das Symptom, doch die Ursache bleibt und zeigt sich dann vielleicht wo anders in einem anderen Symptom.

Das „Ich-Gefühl“ schaltet sich nur bei Bedarf ein

Wenn ich meinen Körper nicht wahrnehme, also vollkommen gesund bin, dann ist das System in einem Flow-Zustand. Und in denen gibt es, wie man ja weiß, kein normales Ich-Empfinden. Das kenne ich auch aus dem Zusammenleben mit meiner Frau. Wenn wir im Flow sind, verschwindet das Ich. Das taucht erst wieder auf, wenn wir uns zu differenzieren suchen. Dabei bilden wir doch nur ein System, wie eben auch mein Körper, nur mit viel mehr einzelnen Teilen. Was für mich den Schluss zulässt, dass alles Lebendige, wirklich alles, nur aus Einzellern besteht, die sich dann zum Beispiel in Organen organisieren (!!), da sie auf diese Art und Weise eine höherwertigere Funktion ausüben können – für das Ganze, nicht für sich selbst.

Besteht also das Leben einfach nur aus Einzellern, die sich untereinander organisieren, um so mit anderen Gruppen zusammen mehr zu erreichen, als es ihnen ohne Organisation möglich wäre? Ich habe keine Ahnung, ob meine Lunge oder mein Magen ein Ich-Bewusstsein hat. Ich denke, das haben sie nicht. Und Tiere brauchen auch kein Ich-Bewusstsein, um gut leben zu können. Das ist alleine eine Spezialität des Menschen, entstanden durch Selbstorganisation, das heißt, ohne dass das irgendjemandem bewusst gewesen wäre, dass das jetzt passieren würde.

Das „Ich“ ist eine Folge der Selbstbewusstwerdung

Erst als das Selbstbewusstsein da war, bemerkten wir es. Was eine interessante Frage aufwirft: Warum sind wir uns unserer selbst bewusst, wenn uns das doch so viele Probleme bereitet? Denn all die Schwierigkeiten, die ich so im Leben habe, erlöschen, wenn ich mich in einem Zustand des Flow befinde. (Habe ich gerade mal wieder auf dem Motorrad erlebt.) Vielleicht geht es ja um beides, nämlich in einem Flow-Zustand sich seiner selbst bewusst zu sein. Das bedeutet ja nicht zwangsläufig, dabei ein Ich-Bewusstsein zu haben, sondern es bedeutet eventuell, Bewusstsein für Alles zu haben, ein All-Bewusstsein.

Diese Situation, in der ich mein „Ich“ gerade wiederfinde, erinnert mich total an die Situation, als ich vor der Küste Kroatiens meinen Segelführerschein machte. Die See war ausgesprochen unruhig, regelrecht kabbelig, denn die Wochen zuvor hatte erst die Bora und dann der Mistral (oder war es umgekehrt?) die Richtung vorgegeben und das Meer hatte sich noch nicht wieder klar ausgerichtet. Unser Boot tanzte regelrecht auf den Wellen, seine Bewegungen waren nur sehr, sehr kurzfristig kalkulierbar. Es war einfach nicht vorhersehbar, was passieren würde, die Wellenbewegungen hingen von viel zu vielen Komponenten ab, die einfach nicht mehr überschaubar waren.

Das „ich“ ist nur der Versuch einer Beschreibung

Und genau so ergeht es auch meinem „Ich“. Mein Verständnis des „Ich“ relativiert sich; es befindet sich nicht in einem starren, mechanischen Gefüge und ist tatsächlich frei, beweglich und bewegt sich in offenen, komplexen Strukturen, die ich nicht alleine gestalte und die ich nicht kontrollieren kann. Es definiert keine absolute Position mehr im Gefüge des Lebens, sondern eine relativ, es ist nicht mehr klar definiert, sondern lässt sich nur noch beschreiben. Was bisher klar und stabil zu sein schien, ist es tatsächlich nicht. Es ist wie die Quantenphysik die Wirklichkeit beschreibt, die Position des Beobachters ist relativ, hängt von vielem ab und ist nicht kalkulierbar, nicht eindeutig bestimmbar. Eben komplex. Genau so ist mein „Ich“, bin ich.

Was mir im Leben kompliziert erschien, ist es tatsächlich nicht, sondern es ist nur komplex. Kompliziert war es nur, weil ich den  Beobachter meines Lebens, also mein „ich“ für seinen Manager hielt. Was aber nicht der Fall ist. Das Leben ist, wie es eben ist. Doch das bedeutet nicht, dass ich es nicht auch gestalten könnte! Nur eben ganz anders, als ich bisher dachte. Das erfordert ein komplettes Umdenken von mir, und das will gelernt sein. Aber es lohnt sich! Definitiv! Natürlich kann ich mein Leben auch weiterhin planen, nur darf ich mich nicht wundern, wenn es ganz anders verläuft als ich es geplant hatte. Aber das ist ein anderes Thema.

Jedenfalls bin ich nicht, was ich bisher zu sein dachte.

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