Bewusstsein

Kann ich wirklich bewusst sein? Also vollkommen bewusst, vor allem meiner selbst? Ja, kann ich – im Flow. Die Psychologie lehrt uns, Freud sei Dank, dass es neben dem Bewusstsein auch ein Unterbewusstsein gibt. Und dieses mir nicht Bewusste macht mich scheinbar im Wesentlichen aus. Mittlerweile gehen die Psychologen davon aus, dass ich bis zu 99% (!!) meiner Entscheidungen nicht bewusst treffe. Aber stimmt das überhaupt?

Das bedeutet nichts anderes, als dass ich bisher in einer perfekten Illusion gelebt habe, nämlich in der Illusion, ich könnte mir selbst absolut bewusst sein. Nur meine Schlafenszeiten habe ich davon ausgenommen. Es nagt schon ordentlich am eigenen Selbstwertgefühl, wenn man nahegelegt bekommt, dass man eigentlich nichts wirklich unter Kontrolle hat – denn das würde ja vollkommenes Bewusstsein voraussetzen. Wobei ich das witzig finde, dass ich mich früher in einer Einbildung besser gefühlt habe als in der Wirklichkeit, wie sie tatsächlich ist.

Wenn ich weiß, wie die Wirklichkeit tatsächlich ist, dann kann ich mich darin doch sicherer bewegen als in einer Illusion – oder etwa nicht? Also dieses Paradox aufzulösen, das überlasse ich den Psychologen; ich komme da aus dem Lachen nicht mehr heraus. Es ist einfach ein schlechter Witz. Und der Leidtragende dabei war ich selbst, höchstpersönlich selbst. Warum also kam ich mir so hilflos vor, wenn mir bewusst wurde, dass ich in Wahrheit überhaupt keine bewusste Kontrolle über mich selbst habe?

Ganz einfach, weil mir nicht bewusst war, wie ich überhaupt „funktioniere“. Komisches Wort, aber wenn ich laufe, dann funktioniert ja mein Organismus. Wie ist es ganz konkret? Ich will versuchen, das mit einem sogenannten Doppelpendel zu verdeutlichen. Ob ich mir einbilde, ich hätte mich oder sonst irgendetwas unter Kontrolle oder nicht, ich funktioniere auf die selbe Art und Weise, nämlich ohne bewusste Kontrolle. Das ist aber noch kein Grund sich zu entspannen, denn die Kröte folgt auf dem Fuß.

Solange ich „meine“ Welt in bewusst und unbewusst auftrenne, gehe ich davon aus, dass ich wie ein Doppelpendel denke: Die rote Linie beschreibt, was mir bewusst ist, die blaue hingegen, was mir nicht bewusst ist, aber unbewusst in mir werkelt. Und da es der wesentlich größere Teil ist, ist es auch der Teil, der letztlich das Sagen hat.

Und da der „bewusste“ Teil des Pendels sich extrem selten mit dem „unbewussten“ Teil auf einer Linie befindet, war ich (jedenfalls hoffe ich, dass das die richtige Zeitform ist) ziemlich unberechenbar. Ganz einfach, weil der bewusste Teil nicht deckungsgleich mit dem unbewussten war. Wer mir zugehört hat, der hörte immer nur sozusagen die rote Linie, die blaue aber war die, die er wahrnehmen konnte, wenn er aufmerksam war. Ein gewaltiger Widerspruch in sich. Kein Wunder, dass ich mich als Berater immer hinter irgendwelchen Methoden verstecken wolle. Da hatte ich was zum anfassen, nur hielten die natürlich nie, was sie versprachen.

Das Interessante aber ist, was nämlich (in mir) passiert, wenn ich auf die Differenzierung von „bewusst“ und „unbewusst“ verzichte und mich darum einfach nicht kümmere? Etwa, wenn ich Motorrad fahre? Denn da bin ich in einem Flow und agiere alles andere als nicht- oder unbewusst! Beim Kochen bekomme ich es auch immer wieder hin. Und auch noch bei ein paar anderen Sachen. Da handle ich definitiv bewusst, aber ich bin mir dessen nicht bewusst! Ein herrliches Paradoxon!

Die rote und die blaue Linie machen einer einheitlichen Linie Platz. Nur kann ich die nicht wahrnehmen, ich kann sie nur in dem erleben, was ich tue – aber keinesfalls bewusst! Das heißt, solange ich Bewusstheit als etwas Erkennbares – und nicht nur als etwas ausschließlich indirekt Erlebbares – ansehe, stehe ich mir selbst im Weg und breche meine eigene Bewusstheit in „unter Kontrolle“ und „nicht unter Kontrolle“ auf. Das Ergebnis verdeutlicht der Doppelpendel perfekt. Ziemlich chaotisch.

Also suche ich, in einen Flow zu kommen, lasse Bewusstheit einfach weg, aber handle bewusst – nur dass mir das eben nicht bewusst ist. Daran lässt sich leicht erkennen, dass man etwas gewinnen kann, wenn man darauf verzichtet, es haben zu wollen. Doch ich bin dem nicht hilflos ausgeliefert. Nach wie vor kann ich mir in der Reflexion vorstellen, wie ich sein will beziehungsweise, wie ich handeln will. Nur das alleine langt nicht, ich muss sie dann auch noch einüben, solange, bis ich „automatisch“ so handle.