Bewusstes Denken

Das ist etwas anderes als „richtiges“ Denken, sondern allein folgerichtiges Denken. Dazu brauche ich Propriozeption im Denken, das heißt, ich muss mir bewusst sein, was das letztlich bedeutet, was ich denke, jedoch ohne darüber nachzudenken. Hier geht es um unmittelbare Bewusstheit. So wie bei der körperlichen Propriozeption empfinde ich es ‚nur‘, eine Eigenempfindung. Und das gelingt mir, wenn ich nicht nur dialogisch spreche, sondern auch dialogisch denke. Ein Dialog ist etwas wesentlich anderes als eine Diskussion, ein Disput oder ein Diskurs.Im Dialog geht es nie nur um die eigene Ansicht, sondern allein darum, etwas bewusst zu machen.

Erforderlich ist es für einen solchen Dialog, dass alle Beteiligten bereit sind, den dem Denken zugrunde liegenden Strukturen auf die Spur kommen zu wollen, und zwar nicht nur dem individuellen, sondern auch dem kollektiven Denken. Für einen Dialog ist es notwendig, die eigenen wahrgenommenen Annahmen als Wirklichkeitskonstruktionen zu erkennen und nicht als Wahrheit oder als Tatsache, sie dann „in der Schwebe zu halten“ (zu „suspendieren“, also sie weder zu unterdrücken noch entsprechend zu handeln).

„Der Sinn des In-der-Schwebe-Haltens ist es, Propriozeption möglich zu machen, einen Spiegel zu schaffen, damit wir die Folgen unseres Denken erkennen können.“ So David Bohm, einer der Vorreiter des Dialogs. Wir stellen unsere Annahmen und Glaubenssysteme sozusagen in die Mitte, lernen die Wirkung kennen, die wir damit auf andere haben und überprüfen die Wirkung, die die Annehmen anderer in einem selbst abrufen. Dabei ist es unbedingt erforderlich, die Verbindung zwischen den Gedanken, den damit einhergehenden körperlichen Gefühlen und Emotionen wahrzunehmen.

Es kann dann, auch bei scheinbar unvereinbaren Meinungen, sich eine kreative Wahrnehmung einer neuer Ordnung ereignen. Ein Biologe wie ein Systemiker würden das Selbstorganisation nennen. Neuer Sinn emergiert, ein kreatives partizipierendes Bewusstsein, eine kollektive Transformation. Der Sinn des Dialogs ist nicht, etwas zu analysieren, eine Auseinandersetzung zu gewinnen oder Meinungen auszutauschen. Das Ziel ist vielmehr, die eigenen Meinungen in der Schwebe zu halten und sie zu überprüfen, sich die Ansichten aller anderen Teilnehmer anzuhören, auch die in der Schwebe zu halten und zu sehen, welchen Sinn sie haben.

Wenn wir erkennen können, welchen Sinn all unsere Meinungen haben, teilen wir einen gemeinsamen Gedankeninhalt, selbst wenn wir nicht völlig übereinstimmen. Vielleicht stellt sich heraus, dass die Meinungen eigentlich gar nicht so furchtbar wichtig sind. Schließlich sind sie alle Annahmen. Und wenn wir in der Lage sind, alle Ansichten gleichermaßen zu betrachten, werden wir vielleicht fähig, uns auf kreative Weise in eine neue Richtung zu bewegen. So können wir einfach das Verständnis der verschiedenen Bedeutungen miteinander teilen. Und wenn wir das tun, zeigt sich vielleicht unangekündigt die Wahrheit – ohne dass wir sie gesucht hätten.

Ohne die Bereitschaft, mich im Dialog mein eigenes Denken selbst in Zweifel zu ziehen, werden ich nie zu bewusstem Denken und nicht zur wirklichen Bewusstheit kommen können.