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Bedenkenswert

Joseph Jaworski beschreibt in einem Interview das Dilemma um den (leider) üblichen Gebrauch des Dialogs.

Lee Nichol, der mit David Bohm zusammengearbeitet und ein Buch über den Dialog herausgebracht hat, berichtete ihm, dass ‚Bohm erkannte, dass sie (Anwender) ihn (den Dialog) auf eine oberflächliche (und damit irreführende) Art und Weise benutzen würden‘.

Damit bleibt das, was mit dem Dialog eigentlich erreicht werden soll, auf der Strecke. Bohm war sich darüber im Klaren, dass man in keinen wirklichen Dialog kommt, so wie Bohm ihn verstanden hat, wenn man nicht bereit ist, die ‚persönliche Arbeit‘ zu tun.

Unter ‚persönlicher Arbeit‘ versteht er die Auseinandersetzung mit sich selbst, wirkliche Selbstreflexion. Dieses Phänomen ist nicht nur bei dem Dialog festzustellen, sondern auch bei der Beschäftigung mit den Erkenntnissen der Quantenphysik, den Gedanken des Ch’an oder denen von Jiddu Krishnamurti. Viele berufen sich darauf, glauben ernsthaft, sie würden sich entsprechend verhalten. Doch die Frage bleibt: Tun sie es wirklich?

Nikolaus Gerdes hat für mein Empfinden das Problem sehr gut am Ende seines Textes ‚Der Sturz aus der normalen Wirklichkeit und die Suche nach Sinn‘ beschrieben: „Mit dem. Brüchigwerden der normalen Lebensmuster und mit dem Verlust der sozial vorgegebenen Sinnmuster beginnt für die Betroffenen das, was für viele das Schlimmste an der ganzen Krankheitserfahrung ist: Das endlose, ergebnislose „Grübeln“, das einsetzt, sobald man nicht durch irgendwelche Aktivitäten abgelenkt ist.“

Wenn man, weshalb auch immer, erkennt, dass das normale Bild der alltäglichen Wirklichkeit unvollständig und unzulänglich ist, beginnt das Grübeln. Die ‚normale‘ Wirklichkeit mag dazu taugen, den ungestörten Ablauf des alltäglichen Lebens zu ermöglichen; die „Tiefendimension“ der menschlichen Existenz wird darin jedoch verdeckt und verdrängt ‐ und nur um diesen Preis ist die Sicherheit und Überschaubarkeit des Lebens zu haben, die vom Bild der normalen Wirklichkeit suggeriert wird.

Oder wie Scott Beck es (leicht gekürzt) in seinem Buch ‚Gemeinschaftsbildung’  formuliert hat: „Das einzige Stadium vieler Gemeinschaften, Gruppen und Organisationen ist das der Pseudogemeinschaft, ein Stadium der Vortäuschung und des Scheins. Die Gruppe tut so, als sei sie eine Gemeinschaft, als gäbe es nur oberflächliche, individuelle Differenzen und kein Grund für Konflikte. Zur Aufrechterhaltung dieser Vortäuschung bedient man sich einer Anzahl unausgesprochener allgemeingültiger Verhaltensregeln, Manieren genannt. 

Wir sollen unser Bestes tun, um nichts zu sagen, was einen anderen Menschen verstören oder anfeinden könnte; wenn jemand anderes etwas sagt, das uns beleidigt oder schmerzliche Gefühle oder Erinnerungen in uns weckt, dann sollen wir so tun, als mache es uns nicht das Geringste aus; und wenn Meinungsverschiedenheiten oder andere unangenehme Dinge auftauchen, dann sollten wir sofort das Thema wechseln.

Eine gute Gastgeberin kennt diese Regeln. Sie mögen den reibungslosen Ablauf einer Dinnerparty ermöglichen, aber mehr auch nicht. Die Kommunikation in der Pseudogemeinschaft läuft über Verallgemeinerungen ab. Sie ist höflich, unauthentisch, langweilig, steril und unproduktiv.“

Genau das ist Konvention: Höflich, unauthentisch, langweilig, steril und unproduktiv. Doch viele wagen den Bruch nicht. Lieber laufen sie auch weiterhin mit einer Maske herum, hinter der sie ihr wahres Ich zu verbergen suchen, immer ein paar nette Sprüche für das Poesiealbum parat.

Es ist wirklich bedenkenswert, wie übereinstimmend die Gedanken eines Physikers (David Bohm), eines Religionsphilosophen (Martin Buber) und eines Mystikers (Jiddu Krishnamurti) und die eines Onkologen (Nikolaus Gerdes) sein können. Sie alle beklagen das, was man unter dem Begriff Konvention zusammenfassen kann.

Wir reden aktuell sehr viel über die Bedrohung durch das Covid-19 Virus und ihre Leugner, durch die Klimaerwärmung, durch Rechtsradikale. Doch über das, das dem vielfach zugrundeliegt, redet kaum einer: Das Kreuz mit der Konvention.

Wie hat es doch Jiddu Krishnamurti treffend beschrieben? ‚Es zeugt nicht von geistiger Gesundheit, an eine von Grund auf kranke Gesellschaft gut angepasst zu sein’. Man braucht doch nur die Tageszeitung aufzuschlagen oder Nachrichten zu hören um sich endlich zu fragen, ob es richtig sein kann, dass die Menschheit derart destruktiv ist.

Und man sollte dabei nicht darauf warten, dass die anderen mit dem Kämpfen aufhören, sondern man sollte selbst damit anfangen, aufzuhören. Es beginnt, jedenfalls denke ich das, mit der Bereitschaft, sich aus der Herde der Schafe (entschuldigen Sie bitte diesen Vergleich) zu verabschieden.

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