Aufbruch in die Freiheit

H. G. Wells hat das in seiner Erzählung „Im Land der Blinden“ sehr gut beschrieben. Der Unterschied zu unserer Zeit ist, dass wir nicht blind sind, sondern nur die Augen aufmachen müssten. Oder, anders ausgedrückt, nicht alles durch den Filter unzutreffender Annahmen und vor allem nicht durch den Filter der Selbstbezogenheit zu sehen.

Ich definiere Freiheit als die Freiheit von unzutreffenden Annahmen, irrigen Sichtweisen und nicht stimmigen Überzeugungen über die Wirklichkeit. Wenn Wittgenstein als Ziel seiner Philosophie angibt, der Fliege den Ausweg aus dem Fliegenglas zu zeigen, so meint er damit, die ewigen Probleme einer überkommenen Philosophie als Scheinfragen und Sprachverwirrungen zu entlarven.

Ich möchte diesen Gedanken weiterspinnen und die üblichen, konventionsgeprägten Gespräche miteinbeziehen, die von Scheinthemen und Selbstbezogenheit geprägt sind. Die Frage ist, wie finden wir da heraus?

Für mich ist die Feldenkrais-Methode der passende Weg, übertragen auf mein Denken. Denn Feldenkrais hat ein „Problem“ in der Bewegungsfähigkeit nicht als solches angesehen, sondern als einen Prozess, der nur stimmig angewendet werden muss, um sich wieder gut bewegen zu können. Er nannte es „Bewusstheit durch Bewegung“. Habe ich die Bewusstheit für mein Denken, passiert das Gleiche wie bei der Bewegung – habe ich einmal die Bewusstheit über einen Prozess erlangt, werde ich – und nicht etwa kann ich! – ihn zukünftig stimmig anwenden.

Hier passiert das Gleiche wie in der kognitiven Defusion. Bin ich ich dazu bereit (nicht kann ich das, denn das zu können ist eine Fähigkeiten, die jeder Mensch hat, dessen sich nur viele nicht bewusst sind) wird sich augenblicklich innere Ruhe einstellen. So wie ich auf der körperlichen Ebene Bewusstheit durch Bewegung erlange, erlange ich sie auf der mentalen Ebene durch den Dialog. Aber nicht den Pseudo-Dialog, den wir aus Talk-Shows kennen.

Gehe ich diesen Weg, dann öffnet sich mir eine Dimension des Denkens, die wir im Flow erfahren können – aber nicht nur da. Der Begriff Denken durch NichtDenken umschreib es sehr gut. Das Einzige, was es braucht ist die Herausforderung – eben im Denken durch NichtDenken. Das geht auch ohne Anstrengung.

Nur bedeutet es, mich über meine Komfortzone hinauszubewegen, sonst entstehen dort Vermeidungsreaktionen. Wenn ich negative Gefühle ausblende, verliere ich mit der Zeit auch die Fähigkeit, positive Gefühle zu empfinden. Leugne ich das, worunter ich leide, schotte ich mich von der Weisheit ab, die es mir zu bieten hat.

Wie schädlich Vermeidungsverhalten sein kann, veranschaulicht die Treibsandmetapher: Wer in Treibsand gerät, zieht instinktiv ein Bein aus dem Sand und will einen Schritt vorwärts machen. Doch da sich so sein Gewicht kurzzeitig auf nur einen Fuß konzentriert, versinkt er noch tiefer. Stattdessen sollte er sich flach auf den Boden legen und in Richtung Rand robben.

Die Moral: Manchmal hilft es, die Kontaktfläche zu einer Gefahr zu vergrößern, statt seinem Impuls nachzugeben und sie zu verkleinern. Und das gilt eben auch für negative Emotionen wie Angst oder Trauer. Um sich ihnen auszusetzen und aus ihnen zu lernen, habe ich sie zunächst zu akzeptieren.

Daher brauche ich Bewusstheit, um meine eigefahrenen Wahrnehmungsmuster zu erkennen – in der körperlichen wie in der mentalen Bewegung. Letztlich ist es immer nur die Frage, wie ich mich organisiere.