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Anders denken

Ich muss es lernen, aber lehren kann es mich niemand. Ich spreche vom Leben. Begriffen habe ich das über das Motorradfahren. Niemand kann mir ‚beibringen‘, wie ich Motorrad fahren sollte, ein anderer kann mir nur zeigen, wie er selbst fährt.

Es gibt die ‚technische’ Seite, die erfreulicherweise recht einfach zu erfassen ist, denn da gelten ganz klar die Gesetzmäßigkeiten der klassischen Physik. Ich musste ein bisschen pauken, ähnlich wie in der Schule.

Doch das bedeutet noch lange nicht, dass ich es auch wirklich begriffen hätte. Ich habe den Führerschein erst mit 65 gemacht. Da sind dann viele Programme im Gehirn gespeichert, was in bestimmten Situationen am Besten zu tun wäre. Nur gelten die leider sehr oft nicht für das Motorrad. Also muss ich das lernen, weil ich das will.

Technisch leicht zu erklären, doch nicht so einfach umzusetzen. Ich kann zwar erklären, weshalb ich schlechter fahre, wenn ich den Lenker festhalte, doch weshalb ich mir so schwer tue, ihn endlich dauerhaft loszulassen, das kann ich nicht erklären. Darüber kann ich nur spekulieren. Denn der wirkliche Grund ist, dass ich (noch) nicht denken kann, was ich eigentlich tun sollte und wo mir der Verstand ganz klar sagt ‚mach es!‘

Es ist nicht die Angst, wie man vielleicht denken könnte. ‚Angst‘ ist meist nur ein Synonym für einen psychischen Zustand, die wir nicht so recht in Worte fassen können – und andere erst Recht nicht. Ich würde es so ausdrücken: Habe ich scheinbar Angst, dann sind da mentale Programme aktiviert, denen ein ganz anderes Handlungskonzept als das angeblich gewollte zugrunde liegt. Tatsächlich liegt ‚Angst‘ stets eine spezifische Denkstruktur zugrunde.

Doch dieses ‚Denken‘ ist kein Nachdenken, sondern ein intuitives Denken, das mir nicht bewusst ist, sich aber im Handeln zeigt. Ich habe dann keine Angst mehr vor der Schräglage, sondern fahre sie, wenn ich die Erfahrung gemacht habe, dass es funktioniert. Mit anderen Worten, wenn ich es denken kann. Sonst wird es nichts. Die entgegenstehenden ‚Programme‘ sind dann als überholt und veraltet erkannt, aber nicht von mir, sondern von meinem Gehirn, das ja vollkommen eigenständig arbeitet.

Dieses ‚anders Denken‘ wiederum setzt voraus, dass ich mich auf das ‚die Erfahrung machen‘ überhaupt einlasse. Und zwar mit Haut und Haaren. Das wiederum bedeutet volle Konzentration, konsequente Ausrichtung und keine faulen Ausreden. So ist es, will man ernsthaft gut Motorrad fahren lernen und nicht nur gemütlich herumtuckern. Es ist ganz klar, ich muss an die eigenen Grenzen kommen, will ich sie überwinden.

So ist es bei jeder Tätigkeit. Dann zeigt sich, wie ernst man es meint oder ob man vorher einknickt. Nicht anders aber ist es beim ganz normalen Leben. Mit anderen Worten, wir müssten uns fragen, ob wir uns korrekt verhalten (also ohne Konvention, klar ausgerichtet und voll konzentriert), uns wirklich darauf einlassen und ob wir überhaupt über die Gesetzmäßigkeiten Bescheid wissen.

Was unter Umständen bedeutet, anders denken zu lernen, will man die Erfahrung machen. Es bedeutet aber auch, eine klare und eindeutige ethische Ausrichtung zu haben und nicht, sein Fähnchen von dem Wind des Mainstreams ausrichten zu lassen. Denn die bestimmt, in welche Richtung ich mein Können lenke.

Wir sind es nicht gewohnt, die Welt als ein Hologramm anzusehen, in dem eine implizite Ordnung gegeben ist. Diese implizite und explizite Ordnung lässt sich durch die Holobewegung in einem Glyzerinzylinder veranschaulichen.

In einem Glaszylinder ist ein kleinerer, über eine Kurbel drehbarer Zylinder gelagert. Zwischen den beiden Zylindern befindet sich eine besonders zähe Flüssigkeit, etwa Glyzerin. Wird nun ein Tintentropfen in das Glyzerin eingebracht, ist er zunächst sichtbar also explizit. Dreht man den inneren Zylinder, wird die gesamte Flüssigkeit bewegt und der Tintentropfen verteilt sich, wird größer, verliert Intensität und löst sich langsam auf. Er ist nicht mehr explizit.

Es ist jedoch so, dass in dem Glyzerin die Viskosität oder Zähigkeit über die Wärmebewegung dominiert und diese vernachlässigt werden kann. Dadurch wird der Prozess umkehrbar! 

Das heißt, man kann den inneren Zylinder rückwärts drehen und dabei erscheint der Tintentropfen genau so, wie er verschwunden war. Genauso, wie der einzelne Tropfen, der aus dem Meer kommt, einen Moment lang Tropfen ist und dann wieder in das Meer zurückkehrt, um in einem anderen Moment als ein ganz anderer Tropfen oder eben als Teil einer Welle wieder aufzutauchen.

Wahrscheinlich ist auch mein Körper so etwas wie ein Tropfen. Er erscheint und verschwindet wieder.