Abzweigungen

Die Welt ist voll davon; nur muss ich sie auch erkennen. Gehe ich davon aus, dass ich ein komplexes Wesen bin, dann bedeutet das, dass ein Blick auf die Vergangenheit deutlich macht, warum ich geworden bin wie ich bin. Pfadabhängigkeit nennt man das. Es macht aber noch etwas anderes deutlich, nämlich dass ich mögliche Kreuzungen und Abzweigungen auf diesem Weg gerade nicht genommen habe. Ich habe immer die Wahl genau das Gegenteil von dem zu machen, was ich eben mache.

Eine wirkliche Rückschau verlangt von mir, dass ich nicht nur sehe, was mich zu dem hat werden lassen, der ich geworden bin, sondern auch die Möglichkeiten zu sehen, die ich ignoriert habe, links habe liegen lassen, weil sie mich nicht interessiert haben. Oder vermeintlich zu unattraktiv waren. Jedenfalls bin ich meinem gewohnten Weg gefolgt; habe mich nicht gegen meine Ängste, Befürchtungen wie gegen meine Begierden und meine Gier gestellt – also meine Gewohnheiten.

Gewohnheiten hört sich so harmlos an, doch sie sind alles andere als das. Sie können mich auch ins Verderben führen, wenn sie mir nicht rechtzeitig bewusst werden. Michel de Montaigne drückt das in diesem Zitat sehr richtig aus. „Wohin ich auch zu gehen gedenke, so muss ich doch erst immer einen Schlagbaum der Gewohnheit frei machen, so sorgfältig hat sie alle unsere Strassen verrammelt.“

Der Blick zurück mach mir deutlich, wie es zu dem kommen konnte, wie es ist, aber auch, welche Abzweigungen ich verpasst oder einfach nicht genommen habe. Das bedeutet, dass meine Pfadabhängigkeit niemals entschuldigen kann, was ich getan habe. Viel eher richtet der Rückblick einen Strahler auf das, was ich versäumt, verpasst oder ignoriert habe. Das zu sehen kann sehr hilfreich sein, hilft es mir doch, nicht immer wieder den selben Fehler zu machen.