Das Problem mit „rechts“ und „links“

Man redet nicht mehr miteinander, sucht nicht ernsthaft nach Lösungen, sondern hat schlicht und einfach recht. Ich bin wieder darüber gestolpert, als ich beim Aufräumen einen Artikel über mich aus dem Jahr 1990 in den Händen hielt. Ich hatte mich damals aus der Politik zurückgezogen.

Einer der Grund, der mich bewog aufzuhören, war vor allem auch, dass ich von dem ewigen Gegeneinander-Sein die Nase gestrichen voll hatte. Dieses ewige „ich habe recht, die aber nicht“ bringt mich nicht in die Nähe einer Lösung, sondern entfernt mich weiter davon.

Mit welchem Recht kann ich mir anmaßen zu glauben, ich könnte über einen anderen urteilen oder auch nur eine Meinung haben? Natürlich heißt das nicht, dass ich alles gut heißen und für richtig halten würde, was der Andere denkt, sagt und tut. Aber das ist doch kein Grund, über denjenigen zu urteilen!

Mich hat noch nie jemand gefragt, warum ich 1982 in eine Partei eingetreten bin. Und wahrscheinlich könnte ich eine solche Frage auch nicht wirklich beantworten. Es gibt zwar einen äußeren Anlass, der aber wohl eher so eine Art Rechtfertigung ist und kein wirklicher Grund.

Diesen einen Grund gibt es wohl auch nicht, es waren eher verschiedene Dinge, die sich trafen und ihr Ventil in dem Eintritt in eine Partei fanden. Genauso wenig könnte ich Ihnen sagen, warum ich diesen Text gerade schreibe. Natürlich gibt es dafür einen Anlass, aber ist das wirklich der Grund? Und nicht eher das Schild, hinter dem sich der wahre Grund verbirgt, der, den ich mir selbst vielleicht nicht eingestehen will?

Gestern habe ich einen interessanten Artikel gelesen. Es ging um das Lachen, das heiter, aber auch sehr, sehr böse sein kann. Der Psychoanalytiker Wolfgang Wiedemann sagt, dass die schlimmste Art einen Menschen zu verletzen ist, ihn auszulachen. Und bei Gericht habe ich oft erlebt, dass, je grausiger die zu verhandelnde Tat war, es desto lustiger zuging.

Es war die Einigung darauf, das Grauen durch Lachen zu ersticken. Aber wie komme ich darauf? Ich denke oft, dass der so oft regelrecht öffentlich zelebrierte Hasse gegen Andersdenkende einen ganz ähnlichen Grund hat, nämlich nicht sehen zu wollen, was wirklich ist.

Warum fällt es uns so schwer, miteinander zu reden, statt über den Anderen zu urteilen? Nicht zu urteilen ist dabei noch relativ einfach, miteinander zu reden schon viel schwieriger. Denn das bedeutet vor allem, die Maske fallen und liegen zu lassen. Und da scheint es manchem vielleicht doch leichter, sich hinter einer politischen Ansicht zu verstecken, statt einmal seine Ängste offenzulegen.

Ich war in meiner Jugend der Antityp zu meinen Eltern. Ich hatte ganz offensichtlich Panik, so zu werden wie sie. Und das ebnete mir dann meinen Weg. Doch war es deswegen der richtige? Keineswegs! Der wurde es erst, als ich aufhörte, Wege zu definieren. Doch dieses pfadlose Land, wie Krishnamurti es nennt, kommt man nur, wenn man aufhört in rechts und links zu differenzieren und zu trennen.

Ganz nach dem Motto „Die Guten ins Töpfchen, die Schlechten ins Köpfchen:“ Aussortieren was nicht passt und weg damit. Aber hatten wir das nicht schon einmal?