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Wie ich es sehe

Ordnung

Der gute Wille allein genügt nicht, wenn man Ordnung schaffen will. Man braucht auch einen guten Plan. Und Energie. Aber woher den Plan nehmen? Dabei ist das ganz einfach, den er liegt sozusagen überall herum. Man braucht nur genau hinzuschauen.

Natürliche Ordnung

Eine Termite ist ja nicht sonderlich intelligent, wohl aber ein Termitenschwarm. Der erschafft Bauten, die manchen Baumeister vor Neid blaß werden lassen. Oder Ameisen, die wissen, wie man sich gegen eine Pilzinfektion immunisieren kann. Oder Stare, die einen Falken abstürzen lassen, einfach, indem sie ihm den Raum zum fliegen nehmen. Oder der energiesparende Formationsflug von Graugänsen. Es gibt viele solcher Beispiele, die ganze Natur ist eines davon.

Fakt ist für mich, dass diese Intelligenz nicht in den Tieren zu finden ist. Und für den Menschen ist es nicht anders. Was nicht heißt, dass die außerhalb von ihnen existiert, sondern sie ist immanent. Wie genau, das wissen wir noch nicht, das können wir nur ahnen.

Instabile Ordnung

Nur ist Ordnung eben kein grundsätzlich stabiler Zustand, auch wenn es auf den ersten Blick so zu sein scheint. Es braucht immer wieder Energie, um Ordnung aufrecht zu erhalten und dem permanenten leisen Verfall entgegenzuwirken. Die Natur „kennt“ dieses Problem nicht, aber leider wir Menschen. In Japan ist man über die Gedanken des Zen zu den Prinzipien des „Kanban“ gekommen. Alles was einmal errichtet oder erreicht wurde, beginnt gleich wieder zu verfallen, wenn dem nicht immer wieder entgegengewirkt wird.

Das gilt vor allen Dingen dann, wenn zwischen dem gewünschten Zustand und dem Zahn der Zeit ein Mensch steckt. Das beschleunigt den Verfall nämlich ungemein, jedenfalls solange man seine eigenen inneren Strukturen nicht kennt - und ihnen nicht konsequent entgegenwirkt. Darum auch der absolut notwendige Plan! Doch dank David Bohm wissen wir, dass es eine „Implizite Ordnung“ tatsächlich auch gibt. Mit anderen Worten: Eine stabile (!) Ordnung ist möglich, doch für uns Menschen nicht ohne weiteres selbstverständlich.

Implizite Ordnung

„Implizite Ordnung“, das ist eine Ordnung, die zwar in den Dingen selbst enthalten ist, die aber nicht ausgedrückt werden kann und nicht aus sich selbst heraus zu verstehen ist, die sich aber logisch erschließen lässt. Eine sehr gute Erklärung dafür findet sich bei K. Bräuer: Philosophische Aspekte der modernen Physik:

„Ein anschauliches Beispiel für implizite und explizite Ordnung ist die Bohm'sche Holobewegung in einem Glyzerinzylinder. In einem Glaszylinder ist ein kleinerer, über eine Kurbel drehbarer Zylinder gelagert. Zwischen den beiden Zylindern befindet sich eine besonders zähe Flüssigkeit, etwa Glyzerin. Mit einer Spritze bringt man einen kleinen Tintentropfen in das Glyzerin ein, er ist zunächst sichtbar oder explizit. Dreht man nun über die Kurbel den inneren Zylinder, so wird die gesamte Flüssigkeit bewegt und der Tintentropfen verteilt sich, wird größer, verliert Intensität und löst sich langsam auf. Er ist nicht mehr explizit.

Allerdings ist es so, dass in zähen Flüssigkeiten wie dem Glyzerin die Viskosität oder Zähigkeit über die Dissipation oder Wärmebewegung dominiert und diese vernachlässigt werden kann. Dadurch wird der Prozess umkehrbar! Das heißt, man kann den inneren Zylinder rückwärts drehen und dabei erscheint der Tintentropfen genau so, wie er verschwunden war. Der Tropfen war implizit im Glyzerin eingefaltet, verteilt über die ganze Flüssigkeit. Die Ordnung des Tropfens blieb jedoch erhalten, nicht explizit sondern implizit.

Dieses physikalische Modell von Bohm kann noch verallgemeinert werden. Man bringt einen Tropfen ein, dreht den inneren Zylinder etwas weiter und bringt neben dem ersten Tropfen einen weiteren ein. Dies wiederholt man viele Male. Nach weiterem Drehen des inneren Zylinders sind alle Tropfen verschwunden. Wenn man den inneren Zylinder nun rückwärts dreht, dann erschein ein Tropfen nach dem anderen und verschwindet wieder. Grob sieht das so aus, als würde sich ein einziger Tropfen auf einer Art Bahnkurve bewegen.

Schlussfolgerung

So kann man sich nach Bohm die klassische Bewegung eines Körpers aus quantenmechanischer Sicht vorstellen. Der Körper manifestiert sich an einer Stelle, dann an der nächst, und so weiter. An jeder Stelle taucht er aus der impliziten Ordnung auf, wird explizit, und verschwindet wieder. Insgesamt ergibt sich so der Eindruck einer Bahnkurve.

Alles klar? Dabei ist es ganz ‚normal‘ - aber nicht so einfach zu verstehen. Musik scheint zunächst einmal aus einzelnen Tönen zu bestehen. Aber einzelne Töne ergeben keine Musik. Musik ist mehr als die Menge der einzelnen Töne. Töne müssen nachklingen und in andere Töne übergehen, um Teil eines Musikstückes zu sein. Das Nachklingen vermittelt den Eindruck von Bewegung, Fluss und Kontinuität.

Auditive implizite Ordnungen

Das Auftauchen und Verklingen der einzelnen Töne entspricht einer Holobewegung wie bei den Tropfen in der Glyzerinmühle. Die Musik wird explizit in den einzelnen Tönen. Diese verweisen jedoch auf ein unteilbar Ganzes im Impliziten, dass wir in den Tönen die Musik erleben. Bei visuellen Eindrücken ist es dasselbe. Ein Film besteht im Prinzip aus der Abfolge einzelner Bilder. Beim Betrachten vereinigen sich diese Bilder zu einer Bewegung. Diese ist jedoch offensichtlich eine Illusion, so wie die Bahnkurve eines geworfenen Steines oder die simulierte Bahnkurve des Tintentropfens im Glyzerinzylinder.

Visuelle implizite Ordnungen

Filme schauen wir nicht gerne an, weil sich Bilder so schön bewegen. Die Holobewegung, die in der Bildfolge explizit wird, ‚expliziert‘ neben visuellen Eindrücken auch Gedanken, Gefühle, Erinnerungen und Vorstellungen. Deshalb schauen wir gerne Filme an. Und Erinnerung? Gedächtnis ist nicht das Behalten und Abrufen einzelner Erinnerungsbilder. Gespeichert sind vielmehr abstrakte Informationen wie Form, Farbe, Gebrauchsmöglichkeit usw. Diese werden mit Inhalten zu einem konsistenten Bild verknüpft. Die Grundordnung des Gedächtnisses ist implizit und sehr umfassend. Erinnert wird nicht einfach ein Bild oder ein Geräusch oder ein Ablauf.

Implizite Ordnung des Erlebens

Jeder Abruf von Gedächtnisinhalten umfasst auch Gefühle, Gedanken, Vorstellungen und körperliche Reaktionen. Alles taucht gemeinsam in einer Holobewegung aus dem Impliziten auf, wird explizit und verschwindet wieder, wie die Tintentropfen.“

Alles klar? Und wenn man sich das das dritte Mal durchgelesen hat, kapiert man es auch so langsam. Was übrigens logisch ist, dass das nicht gleich geht. Weil wir es vorher wahrscheinlich noch nicht denken konnten. Also dreimal lesen und nicht gleich sagen ‚das kapier ich eh nicht‘.

Diese implizite Ordnung im eigenen Erleben zu erkennen ist daher der erste Schritt. Schönheit, Freude, Gut und Schlecht, aber auch Sinn, Ästhetik und Würde - alles ist Ausdruck dieser impliziten Ordnung. Wichtig ist, dass wir aufhören zu glauben, wir Menschen würden dies gestalten.

Implizite Ordnung

Zurück zur Ordnung: Wir haben also alle eine implizite Ordnung „in uns“. Doch die ist vielfach sehr, sehr gut verborgen. Man braucht sich das jeweilige Ordnungssystem eines Menschen nur einmal genau anzuschauen, und schon sieht man ‚sein‘ Problem. Bei mir war und ist es auch noch manchmal die Angst, etwas zu übersehen. Die Folge ist, dass ich nicht konsequent genug aussortiere und dann tut irgendwann ein ‚Befreiungsschlag‘ not.

Doch was steckt dahinter? Wie löse ich das ‚falsche‘ Muster auf? Ganz einfach, durch das implizite. Aber wie gesagt: Es ist ein implizites Muster, das man anwenden will. Und das kennt man leider nicht, das kann man nur intuitiv erfassen. Aber was funktioniert denn dann? Ganz einfach: Selbstorganisation. Jedes, und zwar wirklich jedes System in diesem Universum organisiert sich selbst.

Selbstorganisation

Doch erst wenn man sich darüber im Klaren ist, kommt man weiter, das ist definitiv eine conditio sine qua non, eine Bedingung, die nicht hinweggedacht werden darf und kann, will man den gesamten Prozessverlauf verstehen. Wir Menschen denken ja immer oder jedenfalls sehr oft, wir würden organisiert, durch die Arbeit, den Partner, die Politik, die Medien und was alles so um einen herum passiert. Das ist so aber nicht, wir reagieren nur darauf - entsprechend unserer inneren Muster - und keinesfalls entsprechend äußerer ‚Bedingungen‘ oder vermeintlicher ‚Notwendigkeiten‘!

Solche äußere ‚Bedingungen‘ und ‚Notwendigkeiten‘ dienen alleine als Rechtfertigung für das innere Muster, das man zwar spürt, aber einfach nicht zu fassen bekommt. Wie auch? Es entzieht sich jeglicher Betrachtung. Aber man kann die Auswirkungen sehen. Bei einem selbst. Sieht man aber diesen Prozess, kann man ihn auch wenden!

Einfachheit

Man kann die gewünschten Auswirkungen klar definieren und so durch konsequentes Verhalten die inneren Muster hin zur impliziten Ordnung verändern. Bei einer Website geht das ganz einfach: Man erstellt ein Stylesheet und die ganze Website richtet sich danach aus.

Man muss dafür nur die erforderliche Disziplin und Konsequenz aufbringt. Eine Website kann nicht anders als dem Stylesheet zu folgen. Wir Menschen können das schon, denn wir sind - anders als die Website - eben selbstorganisierend. Also wir müssen es selbst wollen - und zwar wirklich wollen. Dazu rauchen wir nur alles Störende zu beseitigen. Jede Ablenkung, jedes Zuviel verhindert das Aufkommen der impliziten Ordnung.

Einfachheit und implizite Ordnung bedingen sich gegenseitig.