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Wie ich es sehe

Die Hürde

Ich weiß nicht, ob es guter Präsentationstechnik entspricht, aber ich fange mittlerweile immer mit der zu überwindenden Hürde an. Ignoriert man die, wird sich niemand wirklich mit diesen Gedanken beschäftigen, die er ja noch nicht einmal denken kann. Jedenfalls die meisten Leser nicht. Es ist wohl ein Stückchen Weisheit zu wissen, das man eben nichts weiß.

Und wenn man nicht gleich mit der Hürde anfängt und erklärt, warum es überhaupt keine Hürde ist und man einfach auf seinem Weg der Evolution gehen kann und muss, will man zu sich selbst finden. Nur wenn man das nicht tut, dann wird der Andere mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit nicht weiter gehen, einfach, weil er die Hürde noch immer sieht. Da stört es auch nicht, dass in Wirklichkeit gar keine da ist.

Die normalste Sache der Welt

Man muss keine Kinder haben, um zu wissen, wie es ist, von einer Lebensphase zur nächsten weiter zu gehen, denn schließlich waren wir ja alle einmal Kind. Es fängt früh an, wenn das Kind merkt, dass die Mama auch für andere da ist. Aber tatsächlich fängt es ja schon mit der Geburt an. Ich stelle mir dieses Ankommen in einer kalten Welt nicht sehr prickelnd vor. Aber was soll man machen? Es fragt einen ja keiner, ob man geboren werden möchte.

Und wir werden auch nicht gefragt, ob wir durch die Pubertät wollen oder nicht. Oder älter werden. Und auch bei vielen anderen Gelegenheiten werden wir einfach ins kalte Wasser geworfen, bei beruflichen Veränderungen, Abschieden oder auch manchen Krankheiten überschreiten wir zwangsweise eine Schwelle vom bereits Bekannten ins Ungewisse.

Der Sturz aus der normalen Wirklichkeit

Der Onkologe Nikolaus Gerdes hat darüber einen hervorragenden Text geschrieben, „Der Sturz aus der normalen Wirklichkeit und die Suche nach Sinn“. Stehen wir vor einem solchen neuen, aber unbekannten Lebensabschnitt, dann tun wir meist alles, um ihn zu umgehen. Heißt, wir halten lieber am Gewohnten fest, statt offen zu sein für das Neue.

Clare W. Graves hat eine solche Hierarchie von Evolutionsschritten auch für Gesellschaften und Systeme beschrieben. Das wirklich Bedenkenswerte ist, dass sich die Menschen auf einer Ebene „einrichten“, was natürlich bedeutet, dass sie sich gegen andere Ebenen abschotten, egal ob höher oder tiefer.

Manchmal muss man springen

Aber es ist immer wieder unumgänglich, sich auf einen solchen Sprung einzulassen. Wir kennen viele solcher Sprünge in der Menschheitsgeschichte, die eben mit Verunsicherung einhergingen, weil man das „Hier-kenne-ich-mich-aus“ verlor und es erst einmal gegen „Kenne-ich-nicht“ eintauschte.

Der letzte Sprung dieser Art hat sich vor circa hundert Jahren ereignet, als die Physiker drauf kamen, dass das bisherige Verständnis von der Welt unvollständig ist und einen gravierenden Denkfehler beinhaltet. Und da steckt vielleicht das Problem drin, denn wir wenden die entsprechende Technik ganz selbstverständlich an, aber wir denken immer noch, als gäbe es all dieses Wissen nicht. Den Gefallen aber tut es uns nicht. Es ist da, und wir dürfen es nicht mehr (ver-) leugnen, dass es das gibt.

Ein Paradigmenwechsel klopf an die Tür

Kann es sein, dass dieser Paradigmenwechsel im Verständnis der Welt wie unserer Selbst gerade vehement an die Tür pocht und Einlass in unser Denken begehrt? Solchen Wechseln im Verständnis der Welt sehen wir oft gespannt oder auch ängstlich entgegen, weil wir nicht wissen, wie wir sie meistern werden und was sie für uns bedeuten.

Anders als in der Pubertät und den anderen bereits genannten Lebenssprüngen ist es hier aber verschieden, denn weder ändern wir uns noch ändert sich etwas in den äußeren Umständen. Nichts ändert sich wirklich, nicht im Geringsten. Es ändert sich „nur“ unsere Sicht auf die Welt und die Menschen.

Sich einzulassen ist angesagt

Wenn man sich darüber im Klaren ist, dass sich für einen selbst erst einmal überhaupt nichts ändert, außer dass man die Dinge mit ganz anderen Augen sieht, dann spricht nichts dagegen, sich auf diese Gedanken einzulassen. Da kann man getrost einmal die eigene Meinung beiseite stellen, denn es passiert ja nichts. Also kein Grund sich aufzuregen und auf der eigenen Weltsicht zu beharren.

Man muss sich nur klar darüber sein, dass es sich zwar bedrohlich anfühlt, aber tatsächlich nicht ist. Das ist das ganze Dilemma, eine eingebildete Hürde. Wenn man das einmal akzeptiert, wirklich akzeptiert, dann kann man leicht weiter denken. Aber leider nicht vorher. Erst muss man das geklärt haben.