Bild
Wie ich es sehe

Der Schlüssel

Es gibt zwei Bücher, die mein Denken radikal verändert haben. Auch andere, Huineng, Huang-Po, Hubert Benoit oder Krishnamurti gehen davon aus, doch habe ich es bei ihnen nicht so klar begriffen wie bei H. G. Wells in seiner Erzählung „Im Land der Blinden“ aus 1904 und bei der von Étienne de La Boëtie „Von der freiwilligen Knechtschaft des Menschen“ aus dem Jahr 1550:

Ich selbst bin es, der mich einsperrt, der mich leiden lässt.

Konfrontation

Es lag vielleicht an der Kürze der Texte oder ich war einfach „reif“ dafür, dass ich erkennen konnte, dass es eben allein an mir selbst liegt, wie ich lebe. Vielleicht ist es auch notwendig, erst einmal die Gehirnstrukturen „aufzuweichen“ und die festen Muster darin aufzubrechen, denn sie bedingen ja, was ich überhaupt denken kann.

Aber ich denke, es lag einfach an der direkten Konfrontation, die mich die Bedeutung dieser Texte so klar erkennen lies; daran und an der Bereitschaft, mich darauf einzulassen.

Die Erkenntnis

Man muss nur einmal diesen Satz aus dem Buch von de La Boëtie nehmen „Der Mensch, welcher euch bändigt und überwältiget, hat nur zwei Augen, hat nur zwei Hände, hat nur einen Leib und hat nichts anderes an sich als der geringste Mann aus der ungezählten Masse eurer Städte; alles, was er vor euch allen voraus hat, ist der Vorteil, den ihr ihm gönnet, damit er euch verderbe. Woher nimmt er so viele Augen, euch zu bewachen, wenn ihr sie ihm nicht leiht?“ und man begreift unmittelbar, dass man nichts, wirklich nichts tun muss, außer sich aus diesem System mit Anstand zu verabschieden.

Was also tun?

Das wirf natürlich die Frage auf, wie man das dem Menschen klar machen kann. Ihm das einfach einmal so an den Kopf zu werfen hilft in der Regel ja nichts, einfach deshalb, weil die alten Muster im Gehirn noch voll aktiv sind.

Ich glaube, man kann das überhaupt nicht klar machen, nur wenn jemand das liest und gedanklich darüber stolpert, so dass er mehr davon wissen will, dem kann man es erklären. Und nicht rein intellektuell und philosophisch, was meine Bewunderung und Hochachtung für die Menschen vor dem 18ten Jahrhundert noch verstärkt, denn mittlerweile lässt sich das ganz banal mit Hilfe der Wissenschaften erklären.

Oder vielleicht sollte ich „könnte“ sagen, denn auch dazu braucht es die Bereitschaft, sich darauf einzulassen. Man kann es nun einmal nicht erzwingen, so wichtig das heute wäre. Man kann nur darüber reden und hoffen, dass sich jemand darauf einlässt.

Familienbande

Das Einzige, was man wirklich tun kann, das ist diese Haltung vorzuleben und das Gespräch anzubieten. Immer und immer wieder. Nur so kann man den Menschen aus seinen Gewohnheiten herauslocken. Das ist nicht so einfach, denn wer als Knecht (in der Sprache von de La Boëtie) geboren wurde und aufgewachsen ist, der weiß ja nichts von der Freiheit, die er nicht für sich in Anspruch nimmt. Wie auch, er hat sie ja nie kennengelernt.

Und weil sich niemand gerne gegen seine Familie stellt, besteht eine große Hemmung darin, den Eltern gegenüber einfach einmal Tacheles zu reden. Denn das offenbart das ganze Dilemma, in dem wir Menschen stecken. Es will schwer in unsere Köpfe, dass wir tatsächlich unschuldig schuldig werden können. Aber genau so ist es. Das ist der Gedanke, der uns mit diesem Schicksal versöhnt. Und es ist die Voraussetzung dafür, diese Knechtschaft nicht weiter zu geben.

Man muss den Schlüssel auch nutzen!

Was also ist zu tun? Wie kommen wir überhaupt dorthin? Ganz einfach: Wir brauchen nur emphatisch zu sein. Ja, Sie lesen richtig. Denn wir sind von Natur aus emphatisch. Nur haben wir das irgendwie vergessen. Und wir brauchen es nicht zu lernen, denn wir sind es schon. Also müssen wir es nur sein.

Das ist der Schlüssel. Empathie, uns selbst und allem gegenüber.